Sander – ein Zwischenruf

Lesedauer: 4 Minuten

Sanders „Schmankerl“

Ich persönlich warte gespannt auf das Gastmahl des Leviathan, leider erst Band IX der auf zehn Teile angelegten Werkausgabe. Ebenso weiß ich, daß ich da nicht der einzige Wartende in meinem „Szene“-Kreis bin. Immerhin handelt es sich hier um ein zentrales Projekt, das schon zu Lebzeiten Sanders in der Schwebe lag:

Kenner werden sich an die sagenumwobene 1993er Festschrift Politische Lageanalyse für Hans-Joachim Arndt erinnern. Dessen Besiegte von 1945 waren 1978 der Versuch, eine Politikwissenschaft für Deutschland in Deutschland zu begründen. Der bis heute einzige ernst zu nehmende Versuch in dieser Richtung! »Die Lageanalyse der Bundesrepublik Deutschland in allen ihren politisch wesentlichen Elementen ließ Arndt […] überhaupt an irgendeiner politischen Identität der Bundesrepublik grundsätzlich zweifeln.« (Gebhard Geiger in Der Staat 1/1994) Eine wahre Labsal für jeden, der schon in einer Uni-Einführungsveranstaltung das Postulat »Politikwissenschaft ist gleich Demokratiewissenschaft« ertragen mußte. (Ich kenne das Gefühl.) Nun, damals wollte den Mahnruf niemand hören – heute ist niemand mehr da, um ihn zu hören.

In besagter Festschrift jedenfalls hatte Sander – neben diversen Hochkarätern wie Robert Hepp, Günter Maschke, Helmut Quaritsch, Panajotis Kondylis oder Julien Freund – einen Auszug aus seinem Gastmahl, dem vielfach angekündigten Opus magnum, plaziert. Ganz konkret handelt es sich um die „Eröffnungsrede“ zum Mahl, die Praefatio cenae.

Erst das Fressen, dann die Moral

Worum es bei diesem Gastmahl geht? Um die klassische Jagdstrecke der »entfesselten Freiheit« (Thor v. Waldstein): Der Leviathan wird mit Beginn des tausendjährigen Reichs des Heils geschlachtet und von seinen seligen Bürgern verspeist. Verheißt zumindest die Kabbala; liest man etwa bei Heinrich Heine. Carl Schmitt kommentierte das in Land und Meer. Wir kennen das: Die Aasfresser der divergierenden Partikularinteressen (heute gern verbrämt als Identity politics) machen sich den Staat zur Beute.

Was aber der durchschnittliche „Szene“gänger nicht kennt: Die schonungslose Diagnose, daß wir in Kategorien des Staats nicht hinter die Aufklärung zurückkönnen. Und daß das Bemühen, den Staat abzuschaffen, ebenso alt ist wie der für uns so selbstverständliche Staat selbst. Und zwar von allen Seiten:

Allein, es sitzen zu Tische nicht nur Kommunisten. Anarchisten, Liberale, Technokraten und Konservative speisen hier mit. Und wie bei Gastmählern üblich, geschieht das nicht ohne Kommunikation, Kommunion.

Allein, was tun, wenn der Kadaver des feisten Fischs mundgerecht zerlegt und verzehrt worden ist? Um das Unfaßliche denken zu können, braucht es laut Sander die Renovatio einer Philosophie, die den Namen verdient hat. Und da das unmittelbar auf Nietzsche (und, ja, auch Heidegger) zurückführt, ist es von besonderem Interesse für Interessenten am „Postmodernismus“ wie meine Wenigkeit.

Hier ist in jedem Fall noch viel Denkarbeit zu leisten. Sanders Gastmahl des Leviathan wird dazu gewiß einige hervorragende Anstöße liefern.

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