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Hitler, unvermeidlich: eine Innenansicht

Hitler in Hell, 2018
Lesedauer: 5 Minuten

Am ewigen Wiedergänger aus Braunau ist eben kein Vorbeikommen. Nun also (leider?) Hitler auch hier. Denn es gibt unterhaltsame Neuigkeiten – von der Warte des Schreibtischtäters aus besehen.

Denn wie ich am vorvergangenen Montag via Twitter erfuhr, ist beim Ares-Verlag in Graz nun endlich ein neues Buch lieferbar, das für einige Schnappatmung sorgen wird: Hitler in Hell. Was er noch zu sagen hätte …!

Woher ich das mit der Schnappatmung weiß? Nun, ich hatte die Ehre, den Wälzer (fast 420 Seiten) zu übersetzen. Das Angebot kam im vergangenen Spätherbst ganz spontan und hat mich in mehrfacher Hinsicht amüsiert. Einerseits deshalb, weil die englischsprachige Ursprungsfassung bei Castalia House erschienen ist.

Hitler Creveld verbindet – strange bedfellows

Dieser in Finnland ansässige Verlag hat (auch) hochinteressante und empfehlenswerte Bücher wie das 4th Generation Warfare Handbook von William S. Lind publiziert. (Mit dessen Thesen und ihren Implikationen habe ich mich schon in Sezession 74 ausführlich befaßt.) Vor allem aber ist das der Verlag, den Theodore Robert “Vox Day” Beale gegründet hat und dessen Programm er maßgeblich verantwortet (bzw. selbst schreibt): langatmige Fantasyromane, Military-SF diesseits von BattleTech und Warhammer 40k sowie alberne Polit-Comics. Darüber kann man natürlich geteilter Meinung sein. Beales ständige, penetrante Philisterei über die Alt-Right und alles drumherum (vgl. sein sehr “selbstbewußtes” Blog) ist aber nicht nur auf Dauer mehr als anstrengend. Ganz zu schweigen von seinen Livestreams bei YouTube. Und seiner Kumpelei mit Schädlingen wie Mike Cernovich und Jack Posobiec. Aber zu diesem Kasperletheater vielleicht ein andermal mehr. Denn die Szene bietet ja glücklicherweise mehr als genug andere Möglichkeiten, sich eine Meinung zu bilden. Um so passender, daß mir erst kürzlich eine krachige Trilogie (1, 2, 3) ins Haus marschiert ist…

Hitlers Crevelds Herausforderungen

Andererseits ist Creveld natürlich vor allem (Militär-)Historiker. Hitler in Hell ist jedoch frei von den üblichen behutsamen Schritten der Geschichtswissenschaft. »Inhaltlich schwankt das Buch stets zwischen bewusster Provokation und Information«, hieß es über ein anderes Buch von Creveld, und das ist hier noch offensiver der Fall. Das macht das Buch aber auch um so amüsanter. Hier wird dick aufgetragen, und der im undeutlich beschriebenen Tartaros einsitzende Führer darf ordentlich in alle Richtungen austeilen. Das bedeutet aber nicht, daß Creveld mit einem groben Pinsel gemalt hätte – vielmehr finden sich unzählige Einflüsse und Bezüge, von den erwartbaren zeitgeschichtlichen Quellen über teils bestürzende “psychoanalytische” Werke aus dem Kehricht des Freudomarxismus und die sinnvolleren Erträge versuchsweiser Psychopathographie bis hin zu einer Gesamtschau der mit dem Nationalsozialismus befaßten Historikerschaft. (Einschließlich eines Furor teutonicus, wenn es um Daniel Jonah Goldhagen geht…) Das macht das Buch unabhängig von seinem Protagonisten für den Geschichtsinteressierten zu einem vergnüglichen Puzzlespiel: Des öfteren zitiert Hitler Creveld sich selbst, Fachkollegen oder Zeitgenossen der 1900er bis 1940er Jahre im O-Ton, ohne die Übernahmen zu markieren. Da kann nun jeder Leser zeigen, ob seine Beschäftigung mit dem Thema über den wöchentlichen Spiegel und den History Channel hinausreicht!

Wie meine Besucher feststellten, lebte ich nie anders als in dem bescheidenen Luxus, den sich – sagen wir mal – ein erfolgreicher Geschäftsmann leisten würde. Ich wechselte nicht mehrmals am Tag die Uniform oder bedeckte mich mit Orden und Edelsteinen. Im Gegensatz zu einem gewissen dekadenten Mistkerl aus England, den ich hier nicht namentlich nennen werde, schraubte ich die Tube meiner Zahncreme immer selbst auf und drückte sie auch selbst auf die Bürste. Im Gegensatz zu ihm habe ich auch nie einer Frau gesagt, dass ich gerne ihr Tampon wäre.

(Sie wüßten gern, welcher »Mistkerl« hier gemeint ist? Der Weg zur Antwort führt durch das Wunderland des Meta…)

Hitler – aus israelischer Sicht?!

Mir fallen eine Menge Gründe ein, warum manch einer das kritisch sehen könnte. Insgesamt aber ist es doch so, daß viele der eher interessanten Bücher zum Thema von Israelis bzw. Juden stammen. Im Hinblick auf Fachliteratur denke ich da etwa an Norman Finkelstein (Die Holocaust-Industrie) sowie dessen Quasi-Vorläufer Peter Novick (Nach dem Holocaust). Martin van Creveld selbst ist ein sehr gutes Beispiel. Ein “wehrmachtsapologetisches” Buch wie Kampfkraft hätte wohl kaum ein Deutscher geschrieben. Erst recht nicht 1982! Gleiches gilt unter heutigen ideologischen Vorzeichen für Wir Weicheier. Nach dessen Genuß braucht man denn übrigens durchaus nicht mehr das “neue”, in Wahrheit vor den Weicheiern erschienene Gleichheit. Das falsche Versprechen. Und auf der belletristischen Seite ist insbesondere Jonathan Littells Die Wohlgesinnten zu nennen. (Mit deutlichem Abstand auch dessen stark überschätzter Abklatsch – oder eher Parodie? – Interessengebiet von Martin Amis.) Kein Buch, das man jemandem empfehlen würde. Damit könnte man schnell einsam werden. Aber die Lektüre ist doch ein interessantes Erlebnis und noch deutlich zahmer als das Internet.

Der häufige inhaltliche Mehrwert solcher Autoren liegt übrigens bei weitem nicht nur an der Gesetzeslage in Deutschland und anderswo. Ursache ist auch eine längst verinnerlichte kognitive Sperre, die es vielen verunmöglicht, solche scheinbaren Ungeheuerlichkeiten in ihrem goyishe Kop (oder so) überhaupt zu erdenken. Dem haben andere nun mal einiges an Leichtigkeit voraus – und an Chuzpe. Creveld ist nicht umsonst ausdrücklich inspiriert vom unlängst verstorbenen kontroversen Journalisten Uri Avnery. Wer Autoren nicht beim Lesen dabei zusehen möchte, wie sie in Sack und Asche gehen, sollte einen Blick ins Buch riskieren. Es soll ja angeblich sogar Leute geben, die Tuvia Tenenbom lustig finden…

Muß das denn immer noch sein?

Kurz und bündig: ja. Die ewige Hitlerei nimmt ja auch heute noch kein Ende, zumal um mißliebige Dritte damit anzuschießen. Besonders lächerlich gemacht hat sich damit ja erst kürzlich der Tagesspiegel. Das durchschaut selbst der gesprächige GröFaZ in seinem Limbus:

Abgesehen von unzähligen weniger bedeutenden Menschen sind unter anderem folgende Persönlichkeiten (fälschlich) mit meinem Namen bedacht worden: der ägyptische Staatspräsident Gamal Abdel Nasser, der sowjetische Ministerpräsident Nikolai Bulganin, der irakische Diktator Saddam Hussein, der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad (in seinem eigenen Land als „der Affe“ bekannt), der russische Präsident Wladimir Putin, der amerikanische Präsident Donald Trump … Eine Reductio ad Hitlerum, könnte man sagen. Die Israelis, die immer behaupten, ein Sonderrecht auf Leid zu haben, spielen dieses Spiel besonders gern. Es bereitet mir allerdings große Befriedigung, dass ihre Feinde aufgeholt haben und die gleiche Taktik gegen sie einsetzen, wenn beispielsweise jemand ein Plappermaul wie den Ministerpräsidenten Netanjahu „Hitler“ nennt. Sie wünschten, sie hätten nur einen Bruchteil meines Formats. Jeder Einzelne von ihnen.

Über den Ansatz des Buchs an sich mag man vielleicht die Augen verdrehen. Aber: Wenn eine Realsatirezeitung wie die Bild für die Quote schon den Großneffen Hitler durch’s Dorf treibt, wird ein nicht weniger kurioser Ausgangspunkt für eine ernsthafte Annäherung wohl noch in Ordnung sein.

Fazit

Bleibt festzuhalten: Die Übersetzung dieses Buchs war ein großer Brocken Arbeit. Ein Großteil davon war immerhin zeitgleich zum aufreibenden Abschluß von Sea Changes und Camille Paglia zu erledigen. Nichtsdestoweniger hat es viel Spaß gemacht – was sind schon ein paar sehr kurze Nächte? Ich habe überdies deutlich zur Aufwertung des Originals beitragen können, was etliche historische Details und vor allem korrekte Schreibweisen angeht. Verbuchen wir das mal als Gratis-Service für die anglophone Leserschaft. Und gelohnt hat es sich allemal: Herausgekommen ist eine sehr vergnügliche Lektüre. Umfangreich, weil voll mit historischem Detailwissen. Frei von der gängigen Frömmelei bundesdeutscher Populärwissenschaft. Und vor allem: ein einziger großer Trigger für unsere bekannten ReichsBundesbedenkenträger. Wenn Sie einmal eine ganz andere Geschichte der vergangenen Extreme lesen wollen – greifen Sie zu!

Martin van Creveld: Hitler in Hell. Was er noch zu sagen hätte…, Graz 2018. 416 Seiten, 29,90 Euro. Bestellbar direkt beim Ares-Verlag und natürlich bei Amazon.

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