Schon vor einem Vierteljahrhundert hat Antonio Negri, ein Stammvater des “Postoperaismus”, sich mit seinem Buch Empire ins internationale Rampenlicht katapultiert. Heute, da sogenannte Künstliche Intelligenz unsere gewohnte Arbeitswelt angeblich umwälzen soll, lohnt sich ein geschärfter Blick auf dessen Ideengeschichte.
Ob “Postdemokratie”, “Postpolitik” gar oder die von jedem Anwender nach eigenem Bedarf zurechtgebogene Leerformel von der “Postmoderne”: Der Durchschnittsleser und -hörer wird per Küchenlatein schlußfolgern, es gehe um einen Zeitpunkt oder Zustand, der “nach” dem Restwort liege, und damit habe es sich. Indes soll das problematische Präfix “Post-” hier ebenso ausdrücken, daß etwas nicht beendet sei, sondern in erweiterter Form fortbestehe und/oder sich im Wandel befinde. Insofern besteht eine Verwandtschaft zur “Aufhebung” bei Hegel, die gleichermaßen “beenden”, “bewahren” und “erhöhen” bedeuten möchte.
Anwendung und Verständnis von “Post-“Begriffen sind also immens voraussetzungsreich. Wie das mit möglichst radikaler Egalität zusammengeht, ist ein Grunddilemma linker Theoriearbeit. Dabei hat gerade die (postmarxistische) Suche nach neuen Ansätzen nichtsdestoweniger zu einem üppigen Erblühen derartiger Begriffsprägungen geführt. Eine der radikalsten ist die des Postoperaismus, vom italienischen Operaio („Arbeiter“)
Nun könnte man leicht auf die Idee kommen, es handele sich dabei lediglich um eine verstiegene Bezeichnung für das zuletzt von Richard David Precht wiederaufgewärmte Philosophieren über eine Post-work society, in der menschliche Arbeit als Erwerbstätigkeit in der Folge vor allem technischen Fortschritts weitgehend oder vollständig überflüssig geworden ist. Tatsächlich ist das genaue Gegenteil der Fall: Im Postoperaismus umschließt das neugefaßte Konzept der Arbeit die gesamte Gesellschaft und ist zentraler Bezugspunkt für die angestrebte Selbstermächtigung.
Zurück zum Klassenkampf!
Dabei hat diese Auffassung von Arbeit große Veränderungen erlebt, die eng mit dem Wandel der Produktionsweisen (gemäß dem Theorem von Basis und Überbau) zusammenhängen. Der Blick auf dieselben ist jedoch ein gänzlich anderer als der “klassisch” marxistische – der Ursprungsimpuls des heutigen Postoperaismus war kein geringerer Anspruch als jener, den linken Historizismus und Geschichtsdeterminismus vom Kopf auf die Füße stellen zu wollen. “Man muß das Problem umdrehen, das Vorzeichen ändern, wieder vom Prinzip ausgehen: und das Prinzip ist der proletarische Klassenkampf”, wie es der Mitbegründer Mario Tronti formulierte. Dieser Klassenkampf sollte demnach der Existenz und Wandlung des Kapitals vorausgehen, nicht von ihr erst angestoßen werden.
Ausgangspunkt dieses Versuchs, eine grundsätzlich neue marxistische Sicht zu formulieren, war ab den späten 1940er Jahren der Bruch radikaler linker Denker mit der Kommunistischen Partei Italiens (PCI), welcher sie Verbürgerlichung und Verrat an der Arbeiterbewegung vorwarfen. Als schulbildend sollte sich der antiidealistische Philosophiehistoriker Galvano Della Volpe erweisen, der in seinem scharfen Materialismus Philosophie insgesamt als unwissenschaftlich und somit unmarxistisch einstufte. Das bedeutete eine Abwendung von der Traditionslinie Antonio Gramscis, dem sich der PCI zumindest dem Namen nach noch verbunden sah.
Anhänger Della Volpes in den norditalienischen Industriezentren Mailand und Turin sowie in Rom, die zudem von Schriften der orthodox marxistischen Gruppen Johnson-Forest Tendency in den USA und Socialisme ou barbarie (“Sozialismus oder Barbarei”) in Frankreich beeinflußt waren, gründeten 1961 die Quaderni rossi (“Rote Hefte”). Darin widmeten sie sich einer Wiederentdeckung der von Parteien und Gewerkschaften scheinbar vernachlässigten Fabrik als Ort der gelebten Herrschaft des Kapitals. Bereits die erste Nummer enthielt eine aufsehenerregende Studie über die Zustände und das Streikpotential im Turiner Fiat-Stammwerk, deren Prognosen sich im Sommer 1962 durch Arbeitsniederlegungen und mehrtägige Straßenschlachten als zutreffend herausstellen sollten.
Auftritt Antonio Negri
Mario Tronti war bereits daran beteiligt, spaltete sich mit einigen Gefolgsleuten jedoch bereits 1963 ab und gründete das kurzlebige Monatsmagazin Classe operaia (“Arbeiterklasse”), das die Arbeiter als Leser zu erreichen suchte und deshalb aktives politisches Handeln statt sozialwissenschaftlich-theoretischer Überlegungen in den Mittelpunkt rückte. Die Fiat-Unruhen des Vorjahrs, so die erste Ausgabe, hätten eine offenbarungsgleiche Wirkung entfaltet und einen gänzlich neuen Weg für revolutionäre Politik in Italien über den Vektor des Arbeitskampfs eröffnet. Als ein zentraler Autor und ebenso geistreicher wie verbalradikaler Vordenker etablierte sich rasch ein junger Politologieprofessor an der Universität Padua, Antonio “Toni” Negri, mit seinem “konstanten Wechsel zwischen anspruchsvoller Vorlesung und Aufruf zum Terror” (Benedikt Kaiser).
Und Negri beließ es nicht beim Schreiben: Angeregt durch die ebenfalls 1963 erfolgte Abspaltung der stärker auf militante Aktivitäten als auf Agitation ausgerichteten Gruppe Pouvoir ouvrier (“Arbeitermacht”) von Socialisme ou barbarie in Frankreich gründete er 1967 als italienische Schwesterorganisation Potere operaio, die sich selbst als “Partei des Aufstands” präsentierte. Ihr Ende kam jedoch bereits 1973 im internen Streit um die Bewertung des linken Brandanschlags auf die Wohnung eines römischen Rechtsaktivisten im Zuge der Anni di piombo (“Bleiernen Jahre“), bei dem zwei von dessen Kindern getötet worden waren. Die Befürworter des bewaffneten Kampfs – von ihren Gegnern mit einem Leninwort des “Abenteurertums” geziehen – sollten sich der terroristischen Prima linea (“Frontlinie”) und schließlich den Roten Brigaden anschließen, was Antonio Negri eine Verurteilung wegen der zumindest geistigen Mittäterschaft bei verschiedenen Anschlägen und insbesondere der Entführung sowie Ermordung des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Aldo Moro 1978 einbrachte, der er sich durch Flucht nach Frankreich entzog.
Negri in Frankreich
Im dortigen “Exil” bis 1997 arbeitete sich Negri zusammen mit dem ebenfalls vor der italienischen Justiz geflohenen Franco “Bifo” Berardi in die zeitgenössischen Granden der poststrukturalistischen Philosophie ein. Wo in Westdeutschland die – mindestens zeitweilig – vom US-Geheimdienst bezahlten Kreise um Wiesengrund, Horkheimer und Marcuse den Machtstrukturen in der Gesellschaft mit Psychoanalyse zu Leibe rücken und das Volk metaphorisch auf die Couch legen wollten, lehnte man in Frankreich mit Foucault, Deleuze und Guattari diese Oberlehrerhaltung selbst als autoritär ab und interessierte sich vielmehr für die Schaffung von Parallel- und Gegengemeinschaften.
Dieser Perspektivwechsel ergänzte sich mit Negris Erkenntnis, daß sich der Fabrikarbeiter als revolutionäres Subjekt zusammen mit der Massenarbeit insgesamt auf dem absteigenden Ast befinde. Statt dessen führe die voranschreitende “Deterritorialisierung” (Deleuze) von Produktivkräften und Produktionsmitteln zu einer Allgegenwart der Arbeit, die schlußendlich die Gesellschaft insgesamt ebenso durchwirke wie reproduziere. Diese Umorientierung von der materiellen hin zur “immateriellen” Arbeit markiert den Umschlag des ursprünglichen Operaismus in den Postoperaismus.
Negri im 21. Jahrhundert
In Frankreich machte Negri auch die Bekanntschaft des US-Literaturwissenschaftlers Michael Hardt, die ihm deutlich später weltweite Bekanntheit verschaffen sollte. Das von ihnen gemeinsam geschriebene Empire erschien 2000 auf Englisch (deutsch 2002) und wurde nicht zuletzt aufgrund geschickter Vermarktung rasch zu einem Klassiker der globalisierungskritischen Linken. Die Autoren diagnostizieren darin das Ende der Staatlichkeit im Zeichen der weltweiten “Kontrollgesellschaft” (wiederum Deleuze) des Kapitals, genannt Empire, die sämtliche Lebensbereiche bis ins Intime hinein reguliere. Die Summe der Individuen, die Multitude (“Vielheit”, in der offiziellen deutschen Ausgabe mangelhaft mit “Menge” übersetzt), sei es hingegen, die durch ihr Handeln das Empire erst schaffe und legitimiere – der Nachhall des Kapital-Arbeiter-Verhältnisses ist unüberhörbar. Da das Empire allumfassend sei, habe es keinen Sinn, einfach nur nach einem Ausweg zu suchen; vielmehr müsse die Multitude die Entfremdung von sich selbst überwinden, indem sie sich völlig frei neue Regeln, Begriffe und Daseinsformen gibt.
Zwar nimmt das teils deutlich transhumanistische Züge an und spart auch nicht mit jener Lust an der (als zwangsläufig angenommenen) Zerstörung, welche auch die verwandte postmarxistische Spielart des Akzelerationismus auszeichnet. Nichtsdestoweniger lohnt ein Blick auf derart radikales Denken in Zeiten, in denen nicht nur als “Künstliche Intelligenz” verbrämte Textgeneratoren die Arbeitswelt revolutionieren sollen, sondern auch viele – gerade von rechts – auf eine multipolare Weltordnung hoffen. Es kommt nicht von ungefähr, daß der lange umschwärmte Alexander Dugin in seiner Vierten Politischen Theorie Negri und Hardt ausführlich rezipiert hat. 2004 wollte Michael Wiesberg in der Sezession noch wissen, die Thesen aus Empire seien schon deshalb hinfällig, weil die USA der unangefochtene Welthegemon bleiben würden – zumindest letzteres hat sich bereits als allzu selbstsicher herausgestellt.
(geschrieben im August 2025 für den Abdruck in Sezession 128; die Formatierung wurde leicht verändert)

