Eine Erinnerung an Gilles Deleuze, hier bereitgestellt aus Anlaß jüngster, wenig geistreicher Einlassungen zum “Waldgang” und anderen ans Libertäre grenzenden Phantastereien.
Heidegger hat ja die Neuzeit in so radikaler Weise als Zeitalter der Repräsentation gedeutet, daß ihm die Macht des Vorstellens im Herstellen, Zustellen und Bestellen die ganze Welt in einen Bestand verwandelte. Dessen Gegenpol nennt der Anti-Ödipus das Nomadische – nicht ein anderer Name für Nietzsches Übermenschen, sondern dessen genaue Umbesetzung. Denn wenn Gott, als unbedingte Totalität der durchgehenden Bestimmung (Kant), tot ist, so nomadisiert alles durch die möglichen Prädikate und Namen. Wo die Autoren des Anti-Ödipus den Begriff des Nomadischen durch die exzentrische Stellung des Kriegers (nicht des Soldaten!) zum Staat, die Figur des Guerrillero verdeutlichen, zeigt sich, daß ihnen Ernst Jüngers Waldgang ein theoretisches Urbild der Fluchtlinie (nicht escape!) und nomadischen Intensität erstellt hat. Nicht-oppositioneller Ort der Freiheit — das heißt Wald. Und hic et nunc lautet das Lebensmotto des Waldgängers.
Wenn Sie verwirrt sind von diesem fiebrigen, assoziativen Bewußtseinsstrom, der die rechten Säulenheiligen Jünger und Heidegger in eine Front mit dem Liberalen Kant und den Postmarxisten Deleuze und Guattari (den Autoren des Anti-Ödipus) stellt, so verzagen Sie nicht! Es mag Sie beruhigen, daß er von keinem anderen stammt als dem einstigen Professor für Medienwissenschaften Norbert Bolz, einem – seit der öffentlichen Schlammschlacht um Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab 2010, in der der Sozialdemokrat Bolz sich an die Seite des Sozialdemokraten Sarrazin stellte – gerngesehenen Gewährsmann des Wertkonservatismus. Erschienen ist er allerdings bereits 1989 in dessen Nietzschemeditation Stop making sense!, zur (mit eigenen Worten) “pop-philosophischen” Phase des Autors passend benannt nach einem Zitat der einflußreichen amerikanischen New-Wave-Band Talking Heads.
Gilles Deleuze, der philosophische Kopf (neben dem Psychoanalytiker Félix Guattari) hinter dem zweiteiligen Monumentalwerk Kapitalismus und Schizophrenie (Bd. 1: Anti-Ödipus, Bd. 2: Tausend Plateaus), wurde am 18. Januar 1925 in Paris geboren. Nach Jahrzehnten quälender Atemprobleme nahm er sich am 4. November 1995 das Leben. Dazwischen lag ein Leben der Beschäftigung mit dem Subjekt und dessen Stellung in der Welt – angefangen in der Auseinandersetzung mit dem schottischen Empiristen David Hume in seiner 1953 publizierten Magisterarbeit Empirisme et subjectivité beim Wissenschafts- und Ideengeschichtler Georges Canguilhem, der den frühen Foucault wesentlich beeinflußte.
Von dort aus führte Deleuzes Denkweg schnell weiter zu Nietzsche auf der einen, Spinoza auf der anderen Seite und der beide einenden Kritik am Essentialismus. Stark verkürzt formuliert, mit den Worten William Butler Yeats’: “Things fall apart, the centre cannot hold”. Die sogenannten ewigen Fundamente, ja selbst die Ideale seien längst zerrüttet und überwuchert; es gelte nun, Instabilität und Lückenhaftigkeit der Gegenwart gelassen hinzunehmen und sich geschickt hindurchzubewegen.
Deleuze und wir
Natürlich sind das nicht eben konservative Gedankengänge, und dem durchschnittlichen Rechten schwillt schon instinktiv der Kamm, wenn der totgerittene Begriff “Postmoderne” und auch noch dieser zugeordnete Philosophennamen fallen. Allein: Wer sich über sogenannte Wokeness ereifert, der gesteht schon damit ein, daß “die Postmoderne” obsiegt habe. Und wer möchte nicht gern die Methoden des Siegers kennenlernen – zumal in Deutschland? Es war kein bloßer Alarmismus, als die zuletzt durch AfD- und “Wutbürger”-Studien hervorgetretene Basler Germanistin Carolin Amlinger 2020 in ihrem Essay “Rechts dekonstruieren” fassungslos feststellte: “Jenseits der rechten Demonstration eines geistigen Schulterschlusses mit dem Poststrukturalismus muss man sich eingestehen, dass die Rechte von der postmodernen Neukonfiguration gesellschaftlicher Öffentlichkeit profitiert.”
Tatsächlich führte sie damit nur der linksliberalen Leserschaft der sozialwissenschaftlichen Fachzeitschrift Leviathan erstmals vor Augen, was diesseits der Grenze des guten Geschmacks schon lange vor der erkennbar unbelesenen Vereinnahmung des Anti-Ödipus durch Alexander Dugin bekannt war. So wie aus dem Nachlaß Carl Schmitts ein mit vielen handschriftlichen Anmerkungen versehenes Exemplar von Paul Virilios Geschwindigkeit und Politik erhalten ist, hat der Systemtheoretiker und Schelskyschüler Niklas Luhmann ganz selbstverständlich die französische Schule des “schöpferischen Chaos” rezipiert, namentlich Michel Serres, Jacques Derrida – und eben Gilles Deleuze.
Vom Machtfaktor der Multitude
Vor einer solchen “Anschlußfähigkeit” – um bei luhmannschen Begriffen zu bleiben – Deleuzes wird bereits länger gewarnt. Einen wesentlichen Anstoß dazu bot die Wiederentdeckung Nick Lands, des entscheidend an Deleuze orientierten “Vaters des Akzelerationismus”, vornehmlich durch Internetpublikationen Mitte der 2010er Jahre (vgl. Sezession 95). Früher Kritiker war 2016 der anarchistische texanische Philosophiedozent Andrew Culp mit seinem Erstlingswerk Dark Deleuze, das ein Jahr später unter gleichem Titel auf Deutsch im “unversöhnlich marxistischen” (Benedikt Kaiser) Hamburger Laika Verlag erschien. Hintergrund der Titelwahl ist, übrigens genau wie bei Nick Lands “Dunkler Aufklärung“, die Aufdeckung einer “Kehrseite” des Zielbegriffs statt dessen Widerlegung. Culp wendet sich gegen den “Kanon der Freude”, der Deleuze zum Stichwortgeber einer fröhlichen Affirmation und damit neoliberaler “schöpferischer Zerstörung” gemacht habe, die letztlich den Status quo stabilisiere, der doch eigentlich zu zerschlagen sei: “Das größte Verbrechen der Freude ist die Toleranz.”
Einen ganz ähnlichen Ausgangspunkt wie Culp nahm auch der promovierte Philosoph Justin Murphy, allerdings mit abweichendem Ergebnis. Murphy war neben seiner Dozentenstelle für Politologie an der University of Southampton ursprünglich 2011–2017 in der autonom-anarchistischen Szene aktiv, wurde dort aber – laut eigener Aussage – wegen seines wachsenden Interesses an den Schriften Nick Lands zur Persona non grata erklärt. Er wandelte sich zum katholischen unorthodoxen (Links-)Libertären sowie Anbieter von akademischen Onlineseminaren und pflegt heute professionellen Kontakt zu Land ebenso wie zum prominenten “Neoreaktionären” Curtis Yarvin; letzterer war 2020 gar Stargast auf der Veröffentlichungsfeier für Murphys Essayband Based Deleuze. The Reactionary Leftism of Gilles Deleuze.
Murphys betont unbekümmerte Herangehensweise an den französischen Nonkonformisten wird zur Parabel auf seinen eigenen Ausbruch aus dem ideologischen Korsett der orthodoxen Linken und nimmt Deleuze als Wegweiser “ins Offene, Freund!”: “Die kollektive Befreiung war für Deleuze eine echte Perspektive, doch anders als bei der säkular-atheistischen Schlagseite der radikalen Linken des 20. Jahrhunderts wies seine Vision gesellschaftlicher Umwälzung ‘über diese Welt hinaus’.”
Pop und/oder subversiv?
In ihrer vielfältigen Ausdeutbarkeit und der Verheißung von Alternativkonzepten zu den ausgetretenen Pfaden der Spätmoderne haben die Arbeiten Deleuzes auch zahlreiche künstlerische Adaptionen erfahren. In der Musik beispielsweise reicht ihr offen zutage liegender Einfluß von Tieftönern aus dem Bereich des Technical Death Metal wie den Römern Hideous Divinity (“Deleuzean Centuries“, 2019) oder Corps-sans-Organes aus Kolumbien – bei denen schon der Bandname einen “Deleuzoguattarismus” aufgreift, nämlich den “organlosen Körper” als komplexes Freiheitskonzept entgegen üblichen Organisations- und Beziehungsstrukturen – bis hin zur deutsch-britischen Klangkünstlerin Sarah Neumann alias Atka mit ihrem 2023er Stück “Desiring Machines” in Anlehnung an die Begehren produzierende “Wunschmaschine” aus dem Anti-Ödipus.
Überhaupt schlug sich die neue Aktualität Deleuzes angesichts der Heraufkunft des Cyberspace noch zu dessen Lebzeiten besonders in der experimentellen elektronischen Musik der frühen 1990er Jahre nieder: Das stilprägende Frankfurter Alternativlabel Mille Plateaux hatte seinen Namen mit gutem Grund vom französischen Originaltitel des zweiten Bands von Kapitalismus und Schizophrenie übernommen und sich dem Plan verschrieben, die Philosophie des alternativen In-der-Welt-Seins klanglich zu unterfüttern. Labelgründer Achim Szepanski war es dann passenderweise auch, der Culps Dark Deleuze ins Deutsche übersetzte. Ein regelrechtes Rhizom von Bezügen, wie es dem alten Deleuze gefallen hätte.
Und wie schrieb doch gleich der junge Bolz 1989 über den Schizo?
Seine Flucht aus dem Machtbereich ist, weil freakish, kein escape. Ihre Linien zeichnen die Karte der neuen Erde. Und um Soziologen verständlich zu bleiben: Das minoritäre ist kein enklaviertes Bewußtsein, denn es hält sich nicht für das verkannte allgemeine.
Auch eine Strategie der Sammlung, allerdings ohne Werbeartikel. Ein Jahr nach Bolz dekretierte Deleuze in seinem legendären “Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“: “Die Windungen einer Schlange sind noch viel komplizierter als die Gänge eines Maulwurfsbaus.”
(geschrieben im Oktober 2025 für den Abdruck in Sezession 129; die Formatierung wurde leicht verändert)


