Bitte, “Reconquista Germanica”, es ist schon nervig genug, Megadeutschen und frömmelnden Altvorderen erklären zu müssen, daß Interesse an der Szene in Übersee keineswegs auf stumpfen Plagiarismus hinausläuft. Um so ärgerlicher, wenn dann genau das passiert.
Reconquista Germanica – eine Ehrenrettung
Und damit sich die üblichen Verdächtigen nicht sogleich wieder aufpumpen wie die Geburtshelferkröten à la »Wie können Sie es wagen blablabla wann haben Sie denn das letzte Mal yaddayaddayadda man muß alles bejubeln, was von ›unserer Seite‹ kommt«: Es ist durchaus nicht so, daß ich gegen die selbsternannte “Reconquista Germanica” per se etwas einzuwenden hätte.
Ganz im Gegenteil, amüsante kleine Streiche wie “AfD-Chan” habe ich mit großem Vergnügen zur Kenntnis genommen – immerhin ist es in der “Szene” wirklich eine Seltenheit, internetaffine und -kundige Zeitgenossen vorzufinden.
Selbstverständlich habe ich mich recht bald nach dem beginnenden Anwachsen von “Reconquista Germanica” auch auf dem entsprechenden Server eingefunden, um in bester »Lurk-moar«-Tradition zu schauen, ob sich tatsächlich eine veritable Zahl deutscher Dissidenten endlich ein Beispiel an der Alt-Right genommen haben und die im US-Präsidentschaftswahlkampf erprobten und bewährten Praktiken der Memetic warfare etc. auf den (AfD-)Bundestagswahlkampf anwenden könnte.
Die Macht der Meme und die Ohnmacht der “Szene”
Nicht von ungefähr habe ich mich schon zu Jahresbeginn für meinen Grundlagentext »Meme: kognitive Biowaffen im Informationskrieg?« in Sezession 77 eingehend mit dem Werk des jenseits seiner in The Selfish Gene / Das egoistische Gen aufgestellten Memtheorie ansonsten ziemlich nervigen Atheismus/Skeptizismus-Marktschreiers und Neodarwinisten Richard Dawkins befaßt. Das war keine Berichterstattung, sondern ein Stück Accelerationist Cookbook. Technologiefeindliche geistige Frührentner gibt es in “unseren” Reihen schon mehr als genug, und in Sachen Widerstand kommt man in unseren Tagen nun einmal mit HTML-Kenntnissen deutlich weiter als mit profundem Wissen über Friedrich Hölderlin.
Ich will aber keinesfalls aus meinem sprichwörtlichen Herzen die sprichwörtliche Mördergrube machen: Der Ausschnitt von “Reconquista Germanica”, den ich in den vielleicht drei Monaten meiner dortigen Diskussionsteilnahme gesehen habe (womit ich keinesfalls aussagen möchte, daß ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mehr dort mitlese), hat mich wenig überrascht. Im Prinzip stellt sich die Gemengelage dort genauso dar wie auf der durchschnittlichen “Szene”-Veranstaltung neurechter Provenienz. Das ist erstmal nichts Schlechtes, zeugt aber auch von einer gewissen ideologischen Stagnation, die ich persönlich jenseits des Großen Teichs bislang nicht so ausgemacht habe.
Dessenungeachtet ist es den “RG”-Organisatoren hoch anzurechnen, der digital mobilisierungsfähigen “Szene” das kleine Einmaleins des Online-Aktivismus einzuimpfen – das war längst überfällig und bitter nötig, immerhin bekommt die Gegenseite das schon seit zig Jahren hin. Um so weniger wundert es, wie (vor allem) deutsche Medien überhaupt nicht mit einem heutzutage eigentlich zwangsläufigen Phänomen wie “Reconquista Germanica” zurechtkommen; vielleicht hat man sich auch einfach zu sehr darauf verlassen, daß der Michel 2.0 nach ein paar öffentlichkeitswirksamen Razzien bei Verfassern von »Haßkommentaren« hinreichend eingeschüchtert sei?
Nun, offensichtlich nicht, und das ist auch sehr gut und richtig so. In diesem Sinne: Solidarische Grüße an die einzig ernstzunehmende deutschsprachige Trollfabrik dafür, vom Netz gegen Nazis bis hin zum Spiegel – dank dessen alarmistischer Nazi-Tirade spätestens jetzt auch im deutschsprachigen Raum jeder den guten alten weev kennt – mächtig für Erschütterung gesorgt zu haben. Allein: Das macht die jüngste Aktion nicht besser.
Reconquista Germanica – ein Tadel
Es geht, wie unschwer zu erkennen sein dürfte, um die Mottoaktion »Es ist in Ordnung, Deutscher zu sein« in Anlehnung an die auf /pol/ ausgeheckte Kampagne »It’s OK to be white« in den USA. Anderswo habe ich mich bereits – zugegebenermaßen ganz unter dem Einfluß des ersten Cringe – in aller gebotenen Kürze dazu geäußert.
Warum »Gut gemeint« nicht »Gut gemacht« ist. Faden. https://t.co/Zmpm3SKWPw
— Nils Wegner (@Skototaxis) 28. November 2017
Auf die einzelnen Kritikpunkte möchte ich trotzdem noch einmal eingehen:
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- KEINE Namen, KEINE Webadressen, KEINE QR-Codes!
Der Schlüssel zur viralen Verbreitung und der maximalen Beunruhigung des Feinds ist die Vorstellung, daß solche Meme von jedermann plaziert worden sein und werden könnten. “Reconquista Germanica” hat diese Botschaften von vornherein gebrandet – was sogar nachvollziehbar ist, denn sicher befindet man sich dort spätestens seit der Bundestagswahl im Höhenflug und ist stolz auf erfolgreiche Aktionen – und damit vor allem der feindlich gesinnten Presse einen bedauerlichen Vorteil verschafft: Nun läßt sich die Aktion mühelos einer Gruppe zuordnen, die dann im Handumdrehen auf die übliche Weise als kleiner, verschrobener, unsympathischer, aber unglaublich gefährlicher Haufen NEETs oder wie auch immer diffamiert werden kann. Mit denen läßt “man” sich natürlich nicht ein, so der Tenor der veröffentlichten Meinung, und so wird das Einsickern der viral zu verbreitenden Aussage gravierend erschwert. Schade drum, und vor allem völlig unnötig. - Der Slogan ist zu lang.
Das liegt natürlich in den zwangsläufigen linguistischen Unterschieden zwischen englischer und deutscher Sprache begründet, hätte sich aber durch eine weniger phantasielose Übertragung sicher vermeiden lassen, und zwar durch eine Umgehung der Hauptsatz-Nebensatz-Konstruktion. Der deutschsprachige Spruch ist nicht nur zu lang, sondern müßte korrekterweise sogar durch ein Komma getrennt werden. Man mag das für eine Lappalie halten, aber zur Einschleusung eines Mems muß nun einmal ein einziger Blick genügen, und mag er noch so flüchtig sein. Wie es im Film Inception ganz im Sinne der Dawkinsschen Memtheorie heißt: »An idea is like a virus, resilient, highly contagious. The smallest seed of an idea can grow.« Um sich genau das zunutze zu machen, darf man den Gedanken dem Bewußtsein aber eben nicht mit der Dampframme verabreichen.Das Transparent ist nicht einmal ohne choreographische Mühen ins Kamerabild zu bekommen! Und während durch den Zeilenumbruch immerhin die optische Notwendigkeit des Kommas ein Stück weit umgangen wird, stellt sich noch immer die Frage, weshalb es ausgerechnet die Formulierung »in Ordnung« sein mußte. Das hat nämlich nicht nur den Beiklang von Ordnung, wie in den Kommentaren zum Video hervorgehoben, sondern auch den von “(nicht gut, aber wenigstens) ganz in Ordnung”. Vielleicht ist es das im Netz durchaus übliche, ironische Holprig-Übersetzen, vielleicht gaben auch allerlei Bedenken auf dem Server, daß man keinesfalls das zu “undeutsche” »OK« übernehmen dürfe, den Ausschlag. Wahrscheinlich beides. - Der Slogan ist problematisch.
Ich bin so frei, meine bereits erwähnte Sezession-Analyse zum Thema zu zitieren:Einer gedeihlichen politischen Memetik sind auch im deutschsprachigen Raum theoretisch keinerlei Grenzen gesetzt. Es gibt jedoch zwei Bedingungen: Die Conditio sine qua non ist eine unvoreingenommene Herangehensweise. Weder sollte man die auf den ersten Blick meist kryptischen, weil voraussetzungsreichen Meme voreilig als Kindereien oder bloßes Spiel abtun, noch darf stur entlang der erfolgreichen US-Vorbilder gearbeitet werden. Zur Erinnerung: Ein Mem muß dem soziokulturellen Umfeld angepaßt sein und Abwandlungen ermöglichen, um erfolgreich zu sein. Zweitens bedarf es einer Schärfung des Gespürs für Bilder, Texte usf., die sich »memen« lassen.
Das ist im vorliegenden Fall mißlungen, denn die Argumentationslinien sind nicht ohne weiteres übertragbar, wie ich bereits James Angelos zu erklären versucht habe. Die mehr oder minder direkte Übernahme des /pol/-Slogans »It’s OK to be white« ist hierzulande ein Fehlgriff, weil erstens der “Normie”-Betrachter aufgrund der mangelnden allgemeinen Polarisierung entlang ethnischer Bruchlinien nicht ad hoc etwas an dieser Parole auszusetzen findet und zweitens, unmittelbar damit verbunden, die Kategorisierung “Deutscher” keine hinreichende Ab- und Ausgrenzung vornimmt – ist doch der Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft (woran unser hypothetischer Herr Normie im Zweifelsfall automatisch denken wird) nicht das Kriterium, um das es hier eigentlich geht. Somit lädt das schiefe Mem der Zettelkampagne geradezu zur Kaperung durch den weltanschaulichen Gegner ein; eine bedauerliche Steilvorlage angesichts der erwiesenen linken Unfähigkeit, sich der Memetic warfare eigenständig zu bedienen, ohne sich lächerlich zu machen.
- Eigenwerbung macht unübersichtlich.
Meme sind keine Werbeanzeigen. /pol/ hat das bravourös vorexerziert, und ich verstehe wirklich nicht, wieso ausgerechnet dieser Aspekt es nicht auf die deutsche Variante geschafft hat. Ich bezweifle stark, daß “Reconquista Germanica” es nach der hervorragenden Pressearbeit der letzten Wochen nötig hat, Werbeplakate auszuhängen – genau das sind die Zettel aber durch diese wirre Gestaltung geworden. Namensschriftzug und Logo und QR-Code nehmen nicht nur unnötig Platz weg und blähen die Botschaft so optisch auf, sondern verunmöglichen auch das “Einbrennen” der Parole schon beim ersten Blick. - Jfc keine FUCKING Namen/URLs/QR-Codes!
Bedarf leider der Wiederholung.
- KEINE Namen, KEINE Webadressen, KEINE QR-Codes!
Reconquista Germanica – ein Gruß
Wie bereits eingangs gesagt: “Reconquista Germanica” ist eine grundsätzlich sehr lobenswerte Vernetzungs- und Organisationsplattform und wird es auch bleiben. Zumindest so lange, wie Discord den Server dort noch duldet – angesichts des Medieninteresses wird es sicher nicht lange dauern, bis erste Versuche einer Eindämmung oder Tilgung des Phänomens kommen.
Um so mehr sollte man sich dort darauf konzentrieren, nicht allzu klischeehaft “deutsch” an die Arbeit zu gehen, also sich möglichst straff formieren, Neuzugänge einwerben und sich schlimmstenfalls nach PEGIDA- oder IB-Vorbild am Ende noch als Verein eintragen lassen zu wollen. Im Zusammenhang damit sind auch die engen Anbindungen an bestehende, auf ganz anderen Ebenen arbeitende Organisationen wie die Junge Alternative und die Identitäre Bewegung nicht unproblematisch, weil so etwas zwar Festigkeit gibt, aber damit eben auch den Spielraum beschneidet: Determinatio est negatio.
In diesem Fall gilt nicht Frank Herberts »Das Spice muß fließen«, sondern »Die Meme müssen frei flottieren«. Die beflügelnde Wirkung ist die gleiche. “AfD-Chan” und “Putsch-Chan” haben bereits vorgemacht, wie so etwas charmant-spielerisch zu bewerkstelligen ist – und für schwere Bestürzung etwa bei den Junggealterten von BuzzFeed gesorgt, genau wie es sein sollte. Es kommt ja nicht von ungefähr, daß man die memetische Gefechtsfeldbeleuchtung von “RG” seinerzeit selbst überm Großen Teich wahrgenommen hat, nämlich bei AltRight.com:
Es gilt für “Reconquista Germanica”, zu dieser Form zurückzufinden. Ich kann das nur unterstützen, hoffe auf einen Lerneffekt nach dieser eher groben Aktion und möchte mit dem abschließenden Aufruf enden:
Es braucht nur den Willen, aus der altbekannten Lethargie und dem Jammern über schlechte Presse herauszukommen, um die vom politischen Gegner in die Welt gesetzten Schlagworte und Inhalte »umzudrehen«, emotional neu aufzuladen und zum eigenen Vorteil einzusetzen. Dazu braucht es wenig Zeitaufwand: Die wesentliche Funktion der sozialen Netzwerke des Web 2.0 ist das »(Mit-)Teilen«, und so reicht es vollkommen, ein neues Mem gut sichtbar zu plazieren und den Replikatoren ihren Lauf zu lassen. Kreative, ans Werk!

