2020 hat vor allem anderen gezeigt, daß unsere ganze Sicht auf die Welt von einem (oft uneingestandenen) Glauben an den Status quo bestimmt wird. Leider gerade auf der Rechten. Und wo ist nun all das revolutionäre Potential?
Zum Geleit
Das bleibt dahin, denn wie es bei “Parallax Optics” jüngst so treffend (ebenso als präzise Beschreibung wie als Tiefschlag)
It’s possible to conceive Modernity as a project to construct an ant hive out of atomised chimps […].
Parallaxoptics: »On Insectisation«, parallaxoptics.com vom 30. Dezember 2020.
Daraus folgt, daß wir als “Dissidenten” uns nicht damit begnügen dürfen, nur an tagespolitischen Kulissenschiebereien herumzukritteln. Natürlich hört die Anti-Merkel-Fraktion das nicht gern, aber wer möchte anderseits schon der Idiot sein, der seine berechtigte Kritik auf das Anschreien eines beliebigen Apparatschikgesichts herunterdimmen lassen hat?
Wenn man so in sich geht – gab es denn 2020 sonderlich viel mehr als das Coronavirus, die Ikonisierung eines schwarzen Gewohnheitsverbrechers in den USA und die Abwahl des ach so furchtbar bösen orangefarbenen Manns im Weißen Haus? Was sollte denn auch schon Großes passieren, wenn ein Gutteil der Weltbevölkerung einen Gutteil des Jahres über zu Hause arretiert bleibt?
Nun, ich bleibe dabei: Lange nicht mehr hat etwas so sehr wie COVID an all den scheinbaren Selbstverständlichkeiten gerüttelt, in denen wir es uns so bequem eingerichtet haben. Es steht zumindest zu hoffen, daß dabei einige lange ungenutzte Denkpotentiale freigesetzt worden sind – nötig wär’s. Beispielhaft seien hier die Kollegen von konflikt zitiert:
Bisher gibt es von rechter Seite wenige gut geschriebene Beiträge zu Themen der Zukunft; noch immer überwiegt waldgängerischer Kulturpessimus und ein Festhalten an den Überbleibseln der bestehenden Institutionen. Doch dies ist nichts Neues, nicht revolutionär, sondern Stagnation. Denn eine Einhegung, eine Verlamsamung verlängert letztlich nur die Lebensdauer dieses Systems.
o.A.: »Tenet – Ein Aufruf zum neuen Denken«, konfliktmag.com vom 16. September 2020.
2020: Arbeit gestern wie heute
Ich habe 2020 versucht, meinen Teil dazu beizutragen.
- Meine bereits letztes Jahr um diese Zeit angekündigte fertige Übersetzung von A More Complete Beast blieb wegen irgendwelcher ominösen und scheinbar unglaublich wichtigen »exorbitant aufwendigen, aber unbezahlten partei-zuarbeiten« lange liegen. Nachdem ich dann noch die Verschlimmbesserungen durch das verlagsseitige “Lektorat” beseitigt und ein die Donovan-Trilogie verklammerndes Nachwort verfaßt hatte, konnte das Buch als Ein ganzerer Mann endlich erscheinen. Von dem Titel distanziere ich mich ausdrücklich – die Begründung dafür lautete: »Ich will in meinem Verlag kein Buch haben, das mit der “Bestie” im Titel spielt.« Aber dann aus allen Wolken fallen, wenn sich ein – berechtigter – Eklat wie mit Camille Paglia ereignet…
- In der Folge gab es viel zu tun, gerade im Hinblick auf die Recherche ganz entlegener Texte, um für Yoram Hazonys The Virtue of Nationalism eine mustergültige Übersetzung hinzulegen. Polarisierte Zeiten, sensibles Thema, maximale Sorgfalt – und bislang erwartbare Besprechungen für Nationalismus als Tugend, soweit ich den Überblick habe. Natürlich gab es zahlreiche Fragen, weshalb gerade ich gerade das übersetzt habe. Dafür kann ich einstweilen auf die neue Ausgabe der Burschenschaftlichen Blätter verweisen, worin ich freundlicherweise die Debatte um 1815 vs. 2021 anstoßen durfte.
- Da meine Übersetzung des neuen Vorworts zur durchkorrigierten neuen Auflage von Kampfkraft nur einen kleinen Beitrag darstellt, verweise ich hier nochmal auf 2020 als Podcast-Jahr! Noch im Frühjahr habe ich in Freilich den (rechten) politischen Podcast populär gemacht – mittlerweile haben mich fast alle interessanten Formate auf der Rechten eingeladen, von den “Rechtsauslegern” über “Die Schwarze Fahne” und die “Lagebesprechung” bis hin zu “konflikt“. Fehlt tatsächlich nur noch der “Neu-Schwabenfunk” – mehr relevante Formate gibt es ja leider (noch) nicht.
Wer mag, sollte damit erst einmal genug nachzulesen und -zuhören haben. Meinen Primer zum Akzelerationismus sollte man in allernächster Zeit ohnehin online lesen können, damit besteht kein Grund zu aggressiver Werbung. Lesenswert ist dennoch auch dieser, gerade um auf Zack zu bleiben und zu merken, wann ein E-Promi der “Szene” mal wieder Fachkenntnis vorspiegelt. Auch diese Gestalten sind, um bei den konflikt-Formulierungen zu bleiben, »bestehende Institutionen«, die wir endlich stürzen (lassen) müssen.
2020: Umstellungen
Man könnte auch von “Gesundschrumpfungen” sprechen, um damit dem Symptom des Jahres zu entsprechen. Da ja aber nicht nur gewohnte Arrangements umgestellt, sondern auch stehengebliebene Zeitgenossen
Dem aufmerksamen und regelmäßigen Besucher dieser Netzpräsenz, so es ihn gibt, wird manches nicht entgangen sein. Vor allem der Wechsel der spezifischen URL. Sicher aber auch die Aufstockung der Seitenleiste bei einzelnen Beiträgen sowie die Generalüberholung der Verweise auf andere Websites.
Der Grund dafür ist einfach und eher profan: Auf der einen Seite bin ich sehr dankbar dafür, arbeitsmäßig mittlerweile in der Lage zu sein, Textanfragen ablehnen zu können, die mir zuwider sind. Dazu gehörte im laufenden Jahr die Mitarbeit an Das Buch im Haus nebenan – weil ich Kanonbildung ablehne – ebenso wie diverse überflüssige Rezensionen der immergleichen unsinnigen Geschwätzbücher. Zuletzt ging es um eine historisch-kritische Analyse der diversen Versionen von Botho Strauß’ »Anschwellendem Bocksgesang«. Als ob irgend jemand so etwas lesen wollen würde, bloß, weil ein paar reaktionäre “Szene”-Größen persönlich beleidigt darüber sind, daß ein weiterer ihrer marktschreierisch präsentierten #ourguy-Prominenten sich “selbstverharmlost” hat.
(Darüber hinaus interessiere ich mich tatsächlich überhaupt nicht für Botho Strauß. Ich bin auch nicht von der angeblich so zentralen Bedeutung des »Bocksgesangs« für die “Szene” überzeugt. Womit wir wieder beim Kanon wären – eines der vielen Probleme der “Neuen Rechten” ist zweifellos die Überbewertung der Form gegenüber dem Inhalt. Sicher, wie man u.a. in Tristesse Droite nachlesen kann, habe auch ich mich lange von dieser etwas pubertären Neoneoromantik einlullen lassen. Aber man kann – und sollte! – irgendwann davon loskommen. Persönlich möchte ich daher in allernächster Zeit noch mehr unnützen Zierat ablegen und werde deshalb auch die graphische Aufmachung dieses Blogs stark reduzieren.)
Die Kehrseite besagter Unabhängigkeit von unliebsamen Aufträgen ist jedoch, Gefälligkeiten reduzieren und sich auf Wesentliches konzentrieren zu müssen. Dementsprechend kann ich leider nicht mehr einfach mal eben so einen analytischen Text für umme auswerfen. Schon gar nicht, wenn es um eine Inszenierung geht, wie unlängst ein mir grundsätzlich sympathisches österreichisches Magazin erfahren mußte. Dort war man auf meine Aussagen über die Schwachsinnigkeit des »Gesicht-zeigen«-Fetischismus aufmerksam geworden und wollte einen publizistischen “Schlagabtausch” mit dem großen Trompeter dieses Pseudokonzepts inszenieren. Leider nein, leider gar nicht: Erstens sind die leider derzeit so modischen “Debatten”, ob nun verschriftlicht oder per YouTube, Hippiescheiße. Und zweitens kann ich in der Zeit, die ein solcher Text – selbst nur ein Einseiter – braucht, genausogut mehrere fremde Zeitschriftenartikel auf Honorarbasis lektorieren. Die Wahl fällt da nicht schwer, zumal, wenn man nicht nur sich selbst zu versorgen hat.
Letztendlich ist es ganz einfach: Ich kann – dankbarerweise – ablehnen, wofür ich mich weltanschaulich verbiegen müßte. Ich muß im Gegenzug eben sehr viel “Normie”-Arbeit leisten, an der nicht mein Seelenheil hängt, wohl aber mein Lebensunterhalt. Und dahinter müssen wiederum die Projekte, die ich persönlich gern realisieren würde und für die ich mir eine gewisse besondere Eignung zumesse, zwangsläufig zurückstehen (ebenso wie auch die lächerlich überteuerten Services von WordPress). Heißt unterm Strich: Ich komme zurecht, ohne bezahlte Boomerbespaßung betreiben oder BreadTuber werden zu müssen, aber dafür brauchen private Leidenschaftsprojekte eben ewig. Stichworte: Staatsbriefe, vier Stunden Interview mit Richard Spencer, Abschaffung der Begriffsvergewaltigung von “Postmoderne” innerhalb des Milieus. Wer solcherlei Arbeiten unterstützen und vorantreiben möchte, der findet zur Genüge Möglichkeiten dazu hier auf der Website. Wer nicht, der muß sich eben weiter in Geduld üben.
2020: Addenda
Im Rahmen des leidigen Metapolitik-Begriffsgulaschs geht es nicht nur unentwegt um schwachsinnige Parameter wie “Reichweite”. Ein 2020 sehr präsentes Thema war die Frage nach der “richtigen” Musik von und mit der “Szene”. Dazu ist im Grunde nicht viel zu sagen: Mit dem Dampfhammer politisches Sendungsbewußtsein in kreative Ausdrucksformen hineinzutreiben, hat bisher noch alles zerstört. Von Regalmetern an langweiligen bis gezwungenen rechten “Bildungsromanen” bis hin zu allerlei schlechter Musik (Ausnahmen bestätigen die Regel, sind aber dementsprechend auch oft indiziert).
- musikalische Wiederentdeckung 2020: Luftwaffe. Zugegebenermaßen liegt meine intensive Neofolkphase schon geraume Zeit zurück, aber gerade um die Zeit meiner Abiturprüfungen herum lief das Album “Trephanus Uhr” bei mir über längere Zeit genauso rauf und runter wie die 10” “Solipsistica Nihilisti”. Wenn man Akustikklänge à la Forseti oder jüngere Death in June gewöhnt ist, wird man es mit Luftwaffe schwer haben: Der Stil der beiden Gnostiker aus Chicago rangiert irgendwo zwischen (Martial) Industrial, Noise und obskurem Geschrammel. Daß YouTube nicht viel von ihnen hergibt, wird seine Gründe haben. Doch sind sie eindeutig in einer Mission unterwegs…
- musikalische Neuentdeckung 2020: Sidewalks and Skeletons. Eine neue favorisierte Arbeitsmusik. Über Spotify läßt sich mit Recht viel Schlechtes sagen, aber zumindest der Algorithmus funktioniert. Da wir alle mittlerweile mit synthetischer Untergrundmusik nur so überschwemmt werden, ist es kaum mehr möglich, zwischen all dem “Vaporwave”, “Fashwave” etc. den Überblick zu behalten. S&S war ein reiner Zufallstreffer, aber was für einer!
- literarische Wiederentdeckung 2020: Mike Ma. Ich hatte den Jungen schon mehrmals wahrgenommen und wieder vergessen. Erst beim zuerst skeptischen (weil gehypten), dann mehr und mehr amüsierten Lesen seines Krachers Harassment Architecture Anfang des Jahres wurde mir klar, daß er genau der Kerl aus den Vine-Videos ist, genau der Blondschopf, der von der abstoßenden Grifter-Mutantin Lauuuuuuuura Loooooooooomer belästigt und gestalkt wurde. Ich habe es schon mehrfach wiederholt: Wenn man unter 40 ist und vielleicht noch Bret Easton Ellis und/oder Hunter S. Thompson schätzt, dann hat man gefälligst Mike Ma zu lesen. Sein zweites Buch steht uns anscheinend bevor, und ich bin sehr gespannt!
- literarische Neuentdeckung 2020: Mark Fisher. In den sozialmedialen Zirkeln, die sich – meist auf eher sarkastische Weise – mit philosophischem Postmodernismus, “echtem” Akzelerationismus usf. befassen, ist der »VERY sad man« Mark Fisher schon seit geraumer Zeit ein beliebtes Mem. Und das hängt nicht nur mit seinem Suizid Anfang 2017 zusammen: Fishers Konzeption eines Capitalist Realism offenbart nicht nur eine tiefe Frustration über den Schwenk der parteiförmigen (britischen) Linken vom Klassenstandpunkt hin zu Identitätspolitik. Seine Sichtweise auf die tieferen Mechanismen der spätkapitalistisch-neoliberalen Weltmarktgesellschaft ist geprägt von seinen Wurzeln in der geheimnisvollen “Cybernetic culture research unit” (Ccru). Symptome zu behandeln, ist allenfalls Symbolpolitik: Die Wurzel allen Übels ist immer ein verdrehtes Denken und Empfinden, aus Fishers Sicht – stark verkürzt – die Grundthese, daß heutzutage zumindest im Westen eher das Ende der Welt vorstellbar sei als ein Ende des Kapitalismus. Seine Überlegungen zur scheinbaren »ewigen Gegenwart« (Ghosts of My Life), über die ich aus etwas anderer Perspektive schon vor viereinhalb Jahren in Jena referierte, sind dabei ebenso eminent interessant wie viele seiner unzähligen kulturanalytischen Blogtexte, die ihn ursprünglich zum Geheimtip machten (k-punk und, im weiteren Sinne, The Weird And The Eerie). Man muß sich allerdings wirklich darauf einlassen wollen – Fisher war in keinster Weise ein rechter Denker, und die deutschen Übersetzungen seiner Werke sind sehr dürftig ausgefallen. Wer sich davon nicht abschrecken läßt und zu den Originalen greift, der wird viele beeindruckende Denkanstöße finden. (Wenn es der Entscheidungsfindung hilft: Sowohl die Kollegen von “EBL” als auch Borzoi, Alex McNabb und Keith Woods sind da mit mir ganz einer Meinung.)
- Spruch des Jahres 2020: »The media is the virus.« Ich denke nicht, daß man das weiter erläutern muß.
Wobei die Anerkennung ja eigentlich doch DSF-Sascha für seine Auslegung von LX als »Lifestyle Xenophob« gebührt… Egal. Reicht jetzt auch mit diesem freidrehenden Jahr. Allen unnötigen Zeitgenossen ein herzliches Pereat, dem Rest: Auf ein besseres 2021 – see ya, Kyle!

