Mainstream, Boomer und Opferstolz

Mainstream Boomer Sehnsucht
Lesedauer: 5 Minuten

Der Mainstream besitzt seit langem eine sehr ungesunde Anziehungskraft für die „Szene“, die doch eigentlich just seine Alternative sein will. Einige abendliche Gedanken dazu.

Der seinerzeit sehr erfolgreiche japanische Schriftsteller Yukio Mishima entleibte sich am 25. November 1970. Ein halbes Jahrhundert später treiben einige einschlägig bekannte „Szene“-Protagonisten ihren Mishima-Fetischismus netzöffentlich auf die Spitze und sorgen für Stirnrunzeln bei innerer wie äußerer Gegenseite. Gleichzeitig bricht die rechte Entertainmentfraktion eine Spiegelfechterei über Sinn und Widersinn des Boomer-Mems vom Zaun.

Da ich mich mangels Interesse mit keiner der beteiligten Parteien privat beschäftige, erfuhr ich erst durch Weiterleitungen in „meinen“ offenen Telegram-Chat von diesen Vorgängen. Ebendort teilte ich später einige Gedanken zum mutmaßlichen Gesamtzusammenhang, der diese Phänomene meines Erachtens mit dem allgemeinen Streben der „Szene“ verbindet, doch bitte endlich vom Mainstream anerkannt und nett behandelt zu werden. Dies ist keine fachwissenschaftliche Analyse, sondern lediglich eine Dokumentation, da ich nicht willens bin, mir von Dritten die Butter vom Brot nehmen zu lassen.

Wider die Sehnsucht nach dem Mainstream

Nur ein paar Gedanken, die ich vorhin dazu hatte, in loser Ordnung – bitte keinen ausgearbeiteten Essay erwarten.

Die Mishima-Verehrung (von gewissen Leuten bis zur Selbstkarikaturisierung betrieben) berührt sich vielleicht mit der Boomerfrage darin, daß dieser intensive Drang, mit Mainstreampersönlichkeiten als #ourguys aufwarten zu können, tiefstes Boomerdenken ist.

Da spielt natürlich mit hinein, daß jede neue oder alternative oder wasauchimmer Rechte, wo sie halbwegs institutionalisiert ist (und das heißt vor allem: Umsatz erwirtschaftet), im finanziellen Netz dieser Besitzgeneration hängt. Zumindest, soweit mir bekannt ist.

Ich hatte das unlängst jemandem für einen Streit, den er hatte, als Argument frei Haus geliefert: Die BRD-Neue Rechte hängt seit ihrer mutierten Neugeburt (also ab Mitte der 1980er) am Geldtropf von alten Säcken, die sich inhaltlich eine radikalere JU wünschen und selbst nie gewagt haben, außerhalb der Unionsparteien zu denken.

Und solche Leute wollen keine revolutionären neuen Konzepte, sondern »notwendige Reformen«. Und sie wollen, daß diese mainstreamkompatibel präsentiert werden. (Ich finde dafür das englische »palatable« eigentlich am passendsten, weil es tatsächlich um sowas wie kulinarischen Geschmack geht – und darum, sich am Trog vollzufressen.)

Jedenfalls scheint mir dieses neurotische Suchen nach »Testimonials« im etablierten Betrieb insbesondere daher zu kommen. Der Beispiele gibt es viele, einige habe ich oben bereits genannt. Besonders eklatant scheint mir dabei Nolte zu sein, weil das auch das größte »Skandälchen« mit »Szene«-Hinwendung des Angegriffenen war (Sarrazin zähle ich nicht mit, der ist ja immer felsenfest im Systemkontext geblieben).

Mit Nolte konnte man nach dem schwachsinnigen »Historikerstreit« (zu dem ich hier mal nicht ins Detail gehen werde – wer mehr darüber reden will, mache einen Podcast daraus ^^) einen ehemals gefeierten Systemhistoriker zu »einem von uns« erklären, der das selbst nie so gesehen hat und bis unmittelbar vor seinem Tod auch nie so geschrieben hat. Nolte war durch und durch ein bürgerlicher Liberaler, der einfach nicht das Memo bekommen hat, daß aufgrund der Entspannungspolitik zwischen Ost und West die Totalitarismustheorie nicht mehr gut ankommt. Daß seine These vom »kausalen Nexus« nebenbei noch gewisser Leute geschichtspolitisches Goldenes Kalb gefährdet hat, war nur der letzte Nagel im beruflichen Sarg.

Aber gut, Nolte war eben scharfsinnig genug, die blinde Begeisterung der »Szene« zu erkennen und sich davon die folgenden Jahrzehnte tragen zu lassen. Und damit war er ja auch nicht der erste; bei Hellmut Diwald sah es schon ganz ähnlich aus. Dem möchte ich zwar nicht unterstellen, einfach ein liberaler Trottel gewesen zu sein, aber seine bösartige beruflich-persönliche Vernichtung durch den Mainstream hat er sich seinerzeit nicht durch heimtückische »Metapolitik« eingehandelt, sondern weil auch er relativ unschuldig-naiv falsch eingeschätzt hat, worüber man wie offen historiographisch schreiben konnte oder auch nicht.

Seine rasante Vereinnahmung durch diverse Kreise bis hin zu den REP wird er jedenfalls nicht von vornherein angestrebt haben. Er ist, soweit ich weiß, ja trotz all der »Szene«-Solidarität (hahaha) dann früh und entmutigt verstorben.

Dann halt, wie gesagt, noch die üblichen Verdächtigen im »wissenschaftlichen« Bereich. Sarrazin, Sieferle, Baberowski, Flaig, F[****]NG MÜNKLER (der zumindest sehr kurzzeitig) – es ist völlig absurd. Leute, die niemals einen von »uns« auch nur mit der Kneifzange anfassen würden.

Von den Prosaschreibern ganz zu schweigen. Ja, ok, Johannes Gross hat eine Bekanntschaft mit CS gepflegt. Und? Das hat Kojève auch, und der war alles andere als »einer von uns« – zum Glück, sonst wäre er ja völlig unlesbar.

Kracht. Beyer. Kracht. Kracht. Kracht. Es ist zum Haareraufen. Und gewisse [Unternehmer], die vielleicht der eine oder andere hier kennt, erblicken einfach wirklich in jeder Kommasetzung ein verstecktes Augenzwinkern in »unsere« Richtung.

Der Opferstolz, den ich in der »Szene« am Werk sehe und schon in einige Texte einzustreuen versucht habe, spielt dabei eine große Rolle und hat auch etwas Boomerhaftes – man hat mitbekommen, daß gesellschaftliche Gruppen sich als Opfer inszenieren und damit Gibs abgreifen. Das möchte man vielleicht ein Stück weit auch, aber gleichzeitig spielt natürlich auch der Eindruck von verfolgter Unschuld eine Rolle, und die Möglichkeit, sich um stringente Theorie und ernst zu nehmende Visionen herumdrücken zu können, indem man immer darauf verweisen kann, daß »sie« einen ja eh nie zum Zuge kommen lassen werden.

Was halt ein zweischneidiges Schwert ist, denn wer will schon Teil der notorischen Verliererclique sein? Ich hatte darüber erst vor ein paar Tagen einen längeren Austausch mit Josh Neal, weil ich seinen Ausspruch im letzten »Interventions«-Stream sehr gut fand, wonach »wir« uns selbst einfach als die guten und richtigen Leute verstehen sollten und »die anderen« als die Kranken, Kriminellen und Schwachsinnigen.

Die neue oder auch nicht neue Rechte versucht seit 70 Jahren, »den Diskuuurs füüühren, frieeedlich!!!111« zu können, und nicht nur hat es nie auch nur das geringste bißchen gebracht, es hat auch die Genese und Weiterentwicklung einer ordentlichen und im engeren Sinne politischen Doktrin völlig erlahmen lassen. Wer »Diskurs« sagt, will eine Kolumne im »FAZ«-Feuilleton.

Also: Ruhig immer auf die Boomer, ruhig immer auf die Beschwichtiger, und vor allem – weg mit allem, was aus dem Mainstream herübergespült wird. Ich will diese Leute nicht sehen, ich will ihr Zeug nicht lesen oder hören, ich möchte mein Denken und das, was ich davon an meine eigenen Leser weitergebe, nicht besudeln mit Gedanken, an denen irgendwelcher liberale Schmutz schon mal dran war.

https://t.me/Skototaxis, 25. November 2020

Das also zum Mainstream, auch und gerade vor dem aktuellen Peterson-Hintergrund. Zu einigen der angesprochenen Historiker habe ich mich ausführlicher in Deutsche Daten geäußert. Und betreffend Mishima – lassen wir das. Grundsätzlich lehne ich Kanonbildung ab. In den Geheimtip-Film von Paul Schrader kann man durchaus mal hineinschauen, kritische Stimmen (insbesondere zur sexuellen Devianz) findet man mühelos, und letztlich ist niemand gezwungen, ihn zu lesen. Auch, wenn irgendwelche „Vordenker“ es nicht lassen können, fremde (Mainstream-)Mythen weiterzustricken.

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