Triumph des Williams

David E. Williams über Deutschland
Lesedauer: 4 Minuten

Der mächtige und wichtige David E. Williams wird es mir verzeihen, daß ich diesen Titel schamlos abkupfere: Ich kann immer noch nicht ganz glauben, daß ich ihn tatsächlich live gesehen habe.

Wer meinen Kanälen irgendwo folgt, der sollte ihn eigentlich mittlerweile kennen. Für alle, die es dennoch bislang verpaßt haben: David E. Williams ist ein ausgesprochen untergründiger … naja … “alternativer Kammermusiker” aus Philadelphia. Die “bekanntesten” Projekte, an denen er mitgewirkt hat, sind wohl Liveunterstützung für die unhintergehbaren Blood Axis, die Zusammenarbeit mit seinem “Namensvetter” Rozz Williams von (ehemals) Christian Death – und für alle, die schon ganz weit draußen sind, noch Deathpile.

Was Williams’ Solomusik angeht, die er immerhin schon seit Mitte der 1980er aufnimmt und veröffentlicht, braucht es allerdings meist irgendeinen Umweg, auf dem man dorthin gelangt. Bei mir – und sicherlich nicht nur bei mir – war es der legendäre Tributsampler The Appeal of Discarded Orthodoxy, der 2007 genau richtig auf der höchsten Höhe meiner Neofolkphase erschien. Einige der damals gerade frischen und heißen Szeneprojekte waren darauf vertreten, allen voran ROME (deren Schaffen bis 2008 ich bekanntlich bis heute sehr schätze), Spiritual Front und Dead Man’s Hill. Alsbald sprach sich auch milieuintern herum, welche Künstler pseudonym zu diesem schönen Doppelalbum beigetragen hatten – Skandälchen inklusive. Aber das darf jeder Interessierte selbst recherchieren.

Kurzum: Es war ein ziemlich idealer Sampler, ist es noch immer, und nachdem so viele der gecoverten Lieder derartige Schmankerl waren, mußte ich den Originalen auf den Grund gehen. Wer suchet, der findet – wo anders als bei Lichterklang? Und ziemlich schnell hat sich auch mein Lieblingsalbum herauskristallisiert (Hope Springs a Turtle), obschon sich in des Diskographie des David E. Williams an allen Ecken und Enden zwielichtige kleine Juwelen finden.

Nun ist das wahrlich keine einfache Musik, weder für schwache Gemüter noch für subkulturell Unbewanderte. Das Cover des oben genannten Samplers, das es auch als Shirtmotiv gibt, zeigt sehr genau, welche Art von Humor und Vorbildung man dafür mitbringen sollte …

David E. Williams repräsentiert beim Wave Gotik Treffen 2017

Wer den berühmt-berüchtigten Film Il portiere di notte von 1974 nicht kennt, dem entgeht zwangsläufig der eigentliche Gehalt von »Sarah’s Booted Boy«. Und wer das mindestens ebenso verschriene »Wotan Rains On a Plutocrat Parade« tatsächlich verstehen möchte, der sollte zumindest grob wissen, was für fiktionale Tagebücher ein ehemaliger Physikprofessor Mitte bis Ende der 1970er als Fortsetzungsroman veröffentlicht hat. Nun, Kenner kennen …

Am vorvergangenen Wochenende hatte ich nun also endlich die Gelegenheit, diesen wahrlich seltenen Gast in Europa und zumal in Deutschland endlich live zu sehen. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an die Organisatoren von “Vollgas Unterhaltung“, den Wirt und alle anderen Beteiligten! Herr Williams kam, und er kam nicht allein: Zur Unterstützung wurde das junge deutsche Projekt Moineau aufgeboten. (Hätte ich es nicht versäumt, mich vorab zu informieren, wäre mir trotz fehlender Französischkenntnisse schon auf den ersten Blick klargeworden, welcher liebe alte Bekannte sich dahinter verbirgt …)

Moineau bot eine knappe halbe Stunde erfrischendem Neofolk der eher klassischen “Lagerfeuer”-Gangart. Wie man als einzelner Mensch mit Gitarre mit Hilfe einiger Fußpedale durch Live-Selbstaufnahme und Loopen scheinbar mühelos mehrstimmige Klangteppiche weben kann, war wirklich bemerkenswert. Es schloß sich eine kurze Umbaupause an. Und kaum ein halbes Weizenbier später erscholl der unverwechselbare Rhythmus von »The Curious Pediatrician«, um das rund 50 Köpfe zählende Publikum zurück zur Bühne zu rufen.

Geboten wurde ein ziemlicher Parforceritt durch alte Klassiker, selten gehörte Stücke und die jüngsten Werke. Von »Thumbelina Toad Slut« über »The Emperor Of Ice Cream« und »The Ballad Of Bob Crane« bis hin zu »Get Me A Ladder«, um es kurz zu fassen. Dann allerdings schlug – wie es bei Williams das Leitmotiv ist – das Schicksal zu, und das vom Veranstalter bereitgestellte Keyboard versagte den Dienst.

Ich möchte das rückblickend aber tatsächlich als Glücksfall bezeichnen, denn so kamen wir Zuschauer unversehens in einen besonderen Genuß. David E. Williams ist nämlich nicht nur ein Ausnahmemusiker (und gelegentlicher Tänzer), sondern auch ein erstklassiger Entertainer, der selbst dieses scheinbare Desaster mit trockenem Humor und unbeirrbar in einen Teil der Show verwandelte. Die konnte somit (fast) nahtlos weitergehen und bescherte uns “Karaoke”-Versionen einiger weiterer Juwelen. Immer in Erinnerung bleiben wird mir die tatsächlich ergreifende Darbietung von »Do I Love You As Much As I Did When You Weren’t Sick?«.

Alles in allem also ein ganz wunderbarer Abend. Die für mich knapp zehn Stunden Reisezeit dafür haben sich mehr als gelohnt, und ich würde es jederzeit wieder angehen. Geld spielt keine Rolle. Wer dies liest und ein Interesse an tatsächlich einzigartiger, besonderer Musik hat, der sollte dem freundlichen älteren Herrn aus Philly unbedingt einmal sein Ohr leihen!

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2 Kommentare

  1. Michael sagt:

    Was stört Dich denn an ROME nach 2008? Reuters politische Ausrichtung samt entsprechender Texte/Inhalte oder die musikalische Entwicklung?
    Musikalisch liefert er m. M. n. bis heute immer wieder stark ab, wenn auch stilistisch deutlich anders als auf den frühen Platten.

    Williams habe ich bis heute nur am Rande wahrgenommen, muss mich wohl doch mal näher mit seinem Schaffen beschäftigen. Das Cover/Shirtmotiv trifft zumindest schon mal meinen Humor. 😉

    1. Nils Wegner sagt:

      Sagen wir mal so: Ich weiß aus zweiter Hand, daß Jeröhmchen durchaus ein Faible für Weltkriegsdevotionalien etc. hat oder zumindest hatte. Wenn so jemand dann zwanghaft herauskehren muß, daß er ja ach so »unpolitisch« sei, dann wirkt das etwas … bemüht. 😉

      Was aber grundsätzlich egal wäre; mit seinen persönlichen Beklemmungen muß jeder selbst zurechtkommen. Ich mag einfach den Geschrammel&Gejammer-Stil nicht, der nach dem Wechsel zu Trisol Einzug gehalten hat. Dieses Label hat schon so manches Projekt verdorben. Von solchem prätentiösen Gehabe wie der »Ästhetik der Herrschaftsfreiheit« will ich mal gar nicht erst anfangen.

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