Der Blutharsch ex

Der Blutharsch / Albin Julius; Wien, 13.04.2006
Lesedauer: 3 Minuten

Der Blutharsch aus Wien war in meiner fanatischen Neofolk-/Martial-Industrial-Phase (ca. 2003 bis 2006) eines der wichtigsten Musikprojekte für mich. Der Nukleus des Ganzen, Albin Julius, ist gestern verstorben.

Im April 2006 war es denn auch ein Konzert von Der Blutharsch, das mich zum ersten Wienbesuch meines Lebens animierte. Unterbringung bei einem ortsansässigen guten damaligen Freund, der mir seinerzeit das ganze Genre aufschloß, selbstverständlich Besuch des Heeresgeschichtlichen Museums, schließlich Der Blutharsch live im legendären Szeneladen „Monastery“ (heute „Viper Room“). In diesem ehemaligen Luftschutzkeller war im Vorjahr das folkige Livealbum „Live at the Monastery“ aufgenommen worden. An jenem Abend 2006 aber, an dem dort auch der sleazige Australier Bain Wolfkind und das schwedische Noiseprojekt Deutsch Nepal spielten, war der Sound um Längen rockiger, ziemlich genau wie beim ebenfalls auf CD gepreßten Auftritt „Live in Copenhagen“.

Das war schon ein ziemlich anderer Klang als der ursprüngliche kriegerische Krach, mit dem Albin und Co. nach dem Ende des eher mittelalterlich-folkloristischen Vorgängerprojekts The Moon Lay Hidden Beneath A Cloud (kurz TMLHBAC) für Furore gesorgt hatten. Dennoch nicht unstimmig auch für Der Blutharsch, berücksichtigt man die nicht geringen Quellen aus dem (Post-)Punk, die das Uniformiertengenre ursprünglich speisten. Den mit dem 2007er Album „The Philosopher’s Stone“ eingeschlagenen neuen Weg hin zu Krautrock und Acid (mit und ohne -Rock …) wollte ich dann allerdings nicht mitgehen. Aus meiner seinerzeitigen Puristensicht – Lieblingsalbum: „When All Else Fails!“ – war das Degeneration und Pervertierung einer zum Großteil ausgesprochen unironisch elitären Subkultur, und so waren meine gesammelten Digipaks von Der Blutharsch rasch via eBay verscherbelt. Sehr schade, rückblickend betrachtet, aber auch schon wieder „mit historischem Edelrost überzogen“.

Persönlich habe ich mit Albin Julius kaum zu tun gehabt. Lediglich mittelbar, damals noch über MySpace, wo man hin und wieder launig-belanglose Geschichten austauschte. Als ich 2009 meinen Artikel »Heroischer Realismus« für die österreichische Neue Ordnung schrieb, war mir Der Blutharsch bereits ziemlich egal – es stach mich eher der Hafer, als ich Albin kurzerhand eine Mail schickte und um ein paar O-Töne zur Szene bat. Seine Antwort war kurz und unzweideutig: Er habe mit Neofolk überhaupt nichts am Hut und wolle keinesfalls in diesem Zusammenhang erwähnt werden. Mir wurde erst etwas später bewußt, in was für einen Fettnapf ich getreten war, indem ich als Referenz für den Publikationsort einen älteren, ähnlich gelagerten Artikel von „Brynhild Amann“ nannte – Kenner erkennen das Problem.

Jetzt kann ich über das alles lächeln. Albin Julius wäre sicher nie zu einem der wenigen echten Freunde geworden, die ich innerhalb der Szene gefunden habe. Doch das sind persönliche Befindlichkeiten. Die Nachricht von seinem Tod hat mich – zu meiner eigenen Überraschung – doch getroffen. Ich bin ihm nicht nur für viele, viele Stunden schöner Musik mit Der Blutharsch und TMLHBAC dankbar, ganz zu schweigen von all den Beiträgen zu Alben etwa von Death in June, sondern ebenso für zahlreiche interessante (und oft seltsame) Projekte, die er als Produzent und Labelchef von WKN (für „Wir kapitulieren niemals“) und Hau Ruck! zu Größen der Subkultur gemacht hat – vor allen anderen Dernière Volonté.

Adieu, alter Vagant! Der Blutharsch lebt weiter – egal, in welcher Schaffensphase.

(Ich mag „So Bring Your …“ deutlich lieber, aber dies ist scheinbar das einzige HD-Video.)
Der berüchtigte Klassiker: „Gold gab ich für Eisen“ (1999).

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