Oublier Sarrazin

Sarrazin in Wien 2018
Lesedauer: 4 Minuten

Thilo Sarrazin hat wohl ein neues Buch geschrieben (ist ja auch schon wieder ein Jahr um), und anscheinend interessiert das noch irgend jemanden.

»Sarrazin … den hammer höllisch gut verkauft«, war seinerzeit die 3sat gegenüber gezogene Bilanz der Wirkung von Deutschland schafft sich ab. So weit, so gut – aber was außer Verkaufszahlen gibt es denn da aus “Szene”-Perspektive noch vorzuweisen? Mal ganz ehrlich?

Wenn ich mich richtig erinnere, war es Erik Lehnert, der vor ein, zwei Jahren amüsiert darauf hinwies, daß Sarrazin seit seinem Bestseller von 2009 bereits zum dritten Verlag weitermäandert sei, wobei die Covergestaltung diese Unterschiede stets möglichst wenig auffällig werden ließ. Eine – sachlich betrachtet – nicht eben aufwärts gerichtete Mobilität übrigens: von der Deutschen Verlags-Anstalt (also Penguin Random House) über den FinanzBuch Verlag (also Bonnier) bis hin zum “Klassiker” Langen-Müller.

Man kann das alles mit lachenden oder rollenden Augen betrachten. Wo sich die in der “Szene” zur Selbstvergewisserung (und -beruhigung) erzählten Märchen allerdings noch immer hartnäckig halten, kann ich leider keine gute Miene zum sinnlosen Spiel machen. Gestern abend war es mal wieder soweit, eben wegen Sarrazin:

Korrekte Einordnung, inklusive der Abbildung der JF-Freudensprünge. Leider kam Sarrazin in den Kommentaren eine verbreitete oppositionelle Deformation zugute, nämlich die Sehnsucht nach „#ourguy/#ourgal“-Figuren. Spätestens seit dem internationalen Bekanntwerden der Alt-Right vor bald acht Jahren wird auch immer wieder gern von angeblichen “Türöffnern” gesprochen, die die eigenen Inhalte behutsam einem breiten Publikum schmackhaft machen könnten. Und dann … Tja, was dann eigentlich? Egal, Reichweite ist alles, oder so. Ich habe anno dunnemal beim Dany-in-die-Suppe-Spucken nicht verstanden, wieso Kollege Menzel als Reaktion auf das erwartbare »Nazis raus« uns ausgerechnet »Wo ist Sarrazin?« anstimmen ließ, aber man lernt ja nie aus. Dazu bedarf es aber eben oft einer Belehrung, die manch einer nicht verträgt.

Damit sollte es eigentlich ein Ende gehabt haben. Aber das Wegbrechen liebgewonnener Illusionen führt eben oft zu Verbissenheit. Und die Halluzination “linker Renegaten” und “Türöffner” wie hier bei Sarrazin ist eine ganz besonders hartnäckige Psychopathologie der “Neuen Rechten”. »seine Bücher haben Millionen Leute in unsere Reihen gebracht«, hieß es dann (wessen Reihen?). Auf Nachfrage hinsichtlich dieser unauffindbaren Millionen dann konkreter: »Millionen Leute wählen AfD. Dazu hat unter anderem Sarazin [sic!] beigetragen durch seine Aufklärung im Migrationsthema.« Das ist natürlich Blödsinn, und man sollte politisch ansonsten vernünftigen Mitmenschen auch offline ausreden, dem Blender Sarrazin ihr Geld zu geben. Dazu darf gern meine im folgenden en bloc wiedergegebene Entgegnung als Vorlage dienen.

Meine Güte, wie kann man (mutmaßlich in so jungen Jahren) nur derart verstockt sein und bis zum Zerstäuben für irgendwelche reichen Greise weißrittern?! Um nur mal kurz die Kulissen da umzuschubsen: Das Buch ist 2010 erschienen, unter der schwarz-gelben Koalition. Bei der nächsten BT-Wahl 2013 haben CDU und SPD massiv zugelegt, die Liberallalas hingegen sind sogar rausgeflogen. Das war keine Abstimmung gegen Überfremdung (bei T.S. ja eh nur wirtschaftliche), sondern gegen Neoliberalismus, wenn auch nur anhand des am niedrigsten hängenden Obstes durchexerziert. Und warum? Weil damals die Weltfinanzkrise alles bestimmt hat, nicht Migration und Ausländervermehrung, was ja nun nicht erst sein kurz vor Sarrazin Probleme sind – so hat sich denn auch die AfD ja erst 2013 als Antieurorettungsmetastase der CDU gegründet und mit genau dieser Agenda – und keiner anderen! – ihre ersten Achtungserfolge hingelegt. Wenn in Klein- wie Großwestdeutschland irgendwer anfing, mit bzw. gegen Fremde große Politik zu machen, hat bislang noch immer die Union kurz mal autoritär gehustet und ein paar markige Sprüche geklopft, und die Leute sind brav alle bei ihr das Kreuzchen gemacht, denn »nur so bringt es ja was«, oder so ähnlich. So wird es auch weitergehen, Merz ist Avatar davon.

Noch etwas zum Buch von Sarrazin, das ich nicht lesen werde: Ich finde den Titelabklatsch von Die offene Gesellschaft und ihre Feinde einfach peinlich. Klar, das soll sicher eine gaaanz geistreiche Anspielung sein. Die wird aber seit 20 Jahren andauernd gebracht – warum nur? Und das leidvolle Aufstöhnen als erste Reaktion auf den Buchumschlag wird auch durch die billige farbliche Codierung (orange à la “freiheitliche” Politik, so wie etwa beim Bündnis Zukunft Österreich oder der “Orangefarbenen Revolution” in der Ukraine) nicht besser. Ganz zu schweigen vom Geleier von wegen “der Vernunft” – erinnert sich noch jemand an die “Partei des gesunden Menschenverstandes”, was auch immer das sein soll? –, das aus dissidenter Position einen ebensolchen Schuß ins eigene Knie darstellt wie das Posieren als Retter und Verteidiger “der Freiheit”. Konservative können das natürlich nicht sehen, aber: Wo sich in den letzten Jahren überhaupt etwas wirklich in unserem Sinne bewegt hat, folgte es einem geradezu devianten Pfad. Dazu jedoch ein andermal mehr.

Beitragsbild: flickr.com / Franz Johann Morgenbesser (CC BY-NC-SA 2.0)

Ein Kommentar

  1. kc sagt:

    Bravo!

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