Kapitol, Schranzen, Kapitulanzen

Kapitol vor dem Sturm
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Vom Kapitol (dem Hügel) aus retteten laut Livius dereinst die Gänse mit ihrem Geschnatter die Stadt Rom. Auch heute wird wieder viel geschnattert, allerdings zu spät.

Nun also: der “Sturm” auf das Washingtoner Kapitol. Hat es überhaupt einen Sinn, noch etwas zu diesem Dumpster fire der letzten beiden Tage zu sagen? Hat der Schwarm nicht bereits alles gesagt?

Der Auf- und Abtritt der Glücksritter aus dem „QAnon“-, „America-First“- und MAGApede-Umfeld vor dem und im Kapitol war wohl kaum, was Whitechapel sich seinerzeit vorgestellt haben. (Ich komme nicht umhin, darauf zu verweisen. Tut mir nicht mal leid.)

Got some tiki torches?

Es überrascht nicht, daß die üblichen Verdächtigen nun schwer rudern müssen, um ihre Verheißungen zu retten. Ganz besonders jene, die vor diesem Kapitol-Affärchen intensiv mit „QAnon“ und den hiesigen „Querdenkern“ geliebäugelt haben. Nun muß man ganz schnell ganz viel Ernüchterung nachholen – unter maximal dramatischer Überschrift bei COMPACT beispielsweise, wo in den letzten zwei Monaten fast täglich die „Stop-the-Steal“-Twitterblase ausge- und verwertet wurde. Jürgen Elsässer ist allerdings offenkundig noch nicht so weit, sich von der Revolutionsromantik seines Fachkolumnisten erholt zu haben. Um der Leserschaft zu verklickern, daß man ja irgendwie doch die ganze Zeit recht gehabt habe, müssen einmal mehr die Standardvergleiche herhalten:

Die Erstürmung eines Parlaments durch Demonstranten zur Initiierung einer Revolution kann durchaus klappen. Bestes Beispiel ist der serbische Umsturz im Oktober 2000, der zur Abdankung des sozialistischen Präsidenten Slobodan Milosevic und damit zum Regime Change führte. […] Damals jubelten die westlichen Lügenmedien, das waren für sie Freiheitshelden und keineswegs ein Mob – kein Wunder, es war ja eine strategische Operation ganz in ihrem Sinn. […] Kopf der Oktoberrevolution des Jahres 2000 war Zoran Djindjic, der im Vorfeld des Parlamentssturms Geheimgespräche mit Milosevic Elitetruppe „Rote Barette“ geführt und diese mit viel westlichem Geld bestochen hatte. Im entscheidenden Moment wechselten die harten Jungs die Seite, der Weg für die Demonstranten war frei.

Jürgen Elsässer: »Washington: Die Revolution zur Rettung der Demokratie ist gescheitert.«, compact-online.de vom 7. Januar 2021.

Es sieht tatsächlich so aus, als würden wir mit dieser ganzen Regime-change-Kotze erst dann verschont werden, wenn deren Propagandisten von staatlichen Akteuren stillgelegt worden sind. Im Gegensatz zum großen OTPOR- und Gene-Sharp-Adepten der “Bewegung” gibt Elsässer ja immerhin offen zu, daß der serbische Machtwechsel von 2000 eine westlich finanzierte und gesteuerte “Farbrevolution” war (Interessantes dazu u.a. bei Terkessidis). Warum also werden weiterhin solche klandestinen Kulissenschiebereien auf’s historische Podest gehoben, gerade zur Bewertung einer Farce wie der Totgeburt vom Kapitol?

Nun, weil sie funktioniert haben. Und weil die Klientel halt etwas Motivierendes hören will, wo es doch seit mindestens 70 Jahren keine “friedliche Revolution” gegeben hat, hinter der kein geheimdienstliches Spektakel gestanden hätte. (Bevor die Montagsdemo-Nostalgiker wieder ausrasten – das war halt einfach keine Revolution, findet euch damit ab.) Wie solche Aktionen ohne System-Nachhilfe aussehen und ausgehen, haben wir vor bald vier Jahren gesehen.

Nicht wenige Protagonisten der amerikanischen (teils selbst im Theater ums Kapitol dabei) wie auch unserer hiesigen “Szene” verdienen ihren Lebensunterhalt mit dem ständigen Wiederholen solcher Durchhalteparolen, die den Joachim Fernau des Jahres 1944 erblassen lassen würden. Dabei muß man Fernaus »Das Geheimnis der letzten Kriegsphase« immerhin zugestehen, ein Ziel zu formulieren. Am Ende eines ominösen “Repressionsakzelerationismus” hingegen, der das System zum offenen Totalitarismus nötigen will, steht – was genau? Klagen vor dem EU-Menschenrechtsgerichtshof? Die Anforderung von UNO-Blauhelmen?

Worauf – außer auf Serbiens “beispielhaften” Regime change stehen all diese “Vordenker” noch so? Richtig, auf Ungarn unter Orbán, durch das laut SZ seinerzeit die Finanzierung für die serbische “Farbrevolution” floß(!); die vielgerühmte “illiberale Demokratie”, die angeblich das “politische Maximum” darstellen soll. Nun, das zeugt nicht nur von beklagenswerter Phantasielosigkeit – ebenso wie im Falle von “Based Poland” und ähnlichen Konservativenfetischen liegt auch hier eine westliche Einflußnahme sehr nahe. Bezeichnend, daß “wir” auch hiervon wieder etwas »lernen« können sollen. Was ansonsten von Herrn Orbán zu halten ist, haben Kollege Kaiser und meinereiner bereits 2017 festgehalten, sehr zum Ärger einiger Fidesz-Shills bei Twitter:

Anfang 2015 allerdings mußte Orbán einen schweren Vertrauensverlust hinnehmen, nachdem einer seiner Fürsprecher Anfang 2015 an die Medien durchgestochen hatte, daß es sich bei der bürgerlich-wertkonservativen, auf Gott, Nation und Familie fokussierten Agenda (»polgári Magyarország«) des Ministerpräsidenten lediglich um ein sorgfältig formuliertes Lippenbekenntnis handele, um das  Wählerpotential der Mittelschicht abzuschöpfen. Entsetzte, sich verraten fühlende Unterstützer wanderten daraufhin zur 2003 gegründeten, rechtsradikalen ehemaligen Studentenpartei Jobbik Magyarországért Mozgalom (»Bewegung für ein besseres Ungarn«, kurz Jobbik) ab […].

Benedikt Kaiser u. Nils Wegner: »Europäische Rechtsparteien – ein Überblick«, Sezession 80/2017, S. 50–55, hier S. 54.

Brad Griffin alias Hunter Wallace, der Kopf hinter Occidental Dissent, tweetete während und nach der Kapitol-Farce viele kluge Gedanken. Nicht von ungefähr wurde am Folgetag sein Account gesperrt. Den wohl wichtigsten Tweet kann ich deshalb hier leider nicht direkt einbetten; er richtete sich an die Demonstranten und belief sich ziemlich genau auf: »Keiner dieser Politiker ist eure Loyalität wert, geschweige denn euer Leben!«

Das galt, gilt und wird auch in Zukunft gelten. Nicht nur in den Vereinigten Staaten. Ich behaupte mal, das mittlerweile hinreichend herausgestellt zu haben. Öffentlich zum ersten Mal im April 2019, im Gespräch mit der Gang:

Regel Nr. 1: Macht einfach keinen Blödsinn.

Davon ausgehend und nach den immergleichen Online-Geplänkeln mit unverbesserlichen Movementaristen auch für den deutschsprachigen Raum:

Regel Nr. 2: Laßt Euch nicht verheizen.

Selbst in den verträumten Winkeln der “Neuen Rechten”, wo man weit über die Grenze des guten Geschmacks hinaus PEGIDA fetischisiert hat und ernsthaft plante, auf dem Dresdner Neumarkt eine Sitzblockade zu veranstalten, ist der Tatendrang mittlerweile verflossen. Ganz zu schweigen von angeblicher “Bekenntnislust” etc. Auch wenn der “Sturm” auf den Berliner Reichstag das Event am Kapitol geradezu präfigurierte, zeigte sich doch bereits ab spätestens Mitte 2016, daß der erhoffte Widerstand schnell zur bloßen Geste wurde. Man machte einmal die Woche einen betreuten Spaziergang durch die nächste Großstadt (oder eine Stehparty im Polizeikessel) und ging dann wieder nach Hause. Inwieweit bei den “Querdenkern” mehr passiert(e), ist mir nicht bekannt.

Nicht viel anders die “Stürme” – sowohl am Reichstag als auch im Kapitol wich die erste Begeisterung schnell der Ratlosigkeit, was nun zu tun sei. Ein paar Photos für Instagram, vielleicht noch schnell ein Souvenir eingesteckt, fertig war die “Revolution”. Und das hat bei weitem nichts mit einem “Mangel an Führung” zu tun, wie die Schlaumeier auf beiden Seiten des Großen Teichs nun analysiert zu haben meinen. Auch “Führung” heilt die unterschwellige simple Sehnsucht nach einem stabilen Status quo nicht. Natürlich, die Massen vor dem Kapitol waren in ihrer Mehrheit verzweifelte Menschen, die ihre Hirne mit Netzprominenten, die für Geld ihre Vorurteile bestätigen, und /pol/ gegrillt haben. Mit denen kann man Mitleid haben. Nicht aber mit ihrer potentiellen “Führung”, die vor allem anderen aus Trittbrettfahrern der alten Alt-Right von 2015/16 und geldgeilen Betrügern besteht. Das ist für mich denn auch der einzige erkennbar positive Punkt am Theater vor dem und im Kapitol – was von der Alt-Lite übrig ist, wird jetzt ausgelöscht werden.

Dies erst einmal nur als ein paar hingeworfene Gedanken (später vielleicht mehr) zum aktuellen Geschrei und dem Grundproblem hinter all dem Zirkus: Die Hoffnung auf irgendwelche magischen Reformen, die alles ohne großen Ärger wieder hinbiegen sollen, und das populistisch-absatzfreudige Schielen auf eine Massengefolg- und -kundschaft. Bei Elsässer liest sich das so: »Das neue Konzept des Widerstandes hat sich mit den Querdenkern bereits in Umrissen gezeigt: Es geht nicht um einen „rechten“ Aufbruch, sondern um die unideologische Zusammenfassung aller Kräfte des Volkes jenseits des Links-Rechts-Schemas in der Abwehr der Corona-Diktatur.« Nun, dann mal viel Erfolg dabei. Wer vom in der Tat ins Nichts führenden Weg des fruchtlosen Rechtspopulismus in Richtung Libertarismus abbiegen will, der muß schon ziemlich verzweifelt sein. Aber nicht gerade wenige dieser Herren müssen eben immer recht behalten.

Wer statt dessen ein paar interessante (und launige) Einlassungen sucht, findet sie einstweilen hier:

Listen to “The 18th Bro-maire” on Spreaker.

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