Reconquista Germanica: Inspiration vs. Imitation

Sticker von Reconquista Germanica
Lesedauer: 7 Minuten

Reconquista Germanica – ein Tadel

Es geht, wie unschwer zu erkennen sein dürfte, um die Mottoaktion »Es ist in Ordnung, Deutscher zu sein« in Anlehnung an die auf /pol/ ausgeheckte Kampagne »It’s OK to be white« in den USA. Anderswo habe ich mich bereits – zugegebenermaßen ganz unter dem Einfluß des ersten Cringe – in aller gebotenen Kürze dazu geäußert.

Auf die einzelnen Kritikpunkte möchte ich trotzdem noch einmal eingehen:

    1. KEINE Namen, KEINE Webadressen, KEINE QR-Codes!
      Der Schlüssel zur viralen Verbreitung und der maximalen Beunruhigung des Feinds ist die Vorstellung, daß solche Meme von jedermann plaziert worden sein und werden könnten. „Reconquista Germanica“ hat diese Botschaften von vornherein gebrandet – was sogar nachvollziehbar ist, denn sicher befindet man sich dort spätestens seit der Bundestagswahl im Höhenflug und ist stolz auf erfolgreiche Aktionen – und damit vor allem der feindlich gesinnten Presse einen bedauerlichen Vorteil verschafft: Nun läßt sich die Aktion mühelos einer Gruppe zuordnen, die dann im Handumdrehen auf die übliche Weise als kleiner, verschrobener, unsympathischer, aber unglaublich gefährlicher Haufen NEETs oder wie auch immer diffamiert werden kann. Mit denen läßt „man“ sich natürlich nicht ein, so der Tenor der veröffentlichten Meinung, und so wird das Einsickern der viral zu verbreitenden Aussage gravierend erschwert. Schade drum, und vor allem völlig unnötig.
    2. Der Slogan ist zu lang.
      Das liegt natürlich in den zwangsläufigen linguistischen Unterschieden zwischen englischer und deutscher Sprache begründet, hätte sich aber durch eine weniger phantasielose Übertragung sicher vermeiden lassen, und zwar durch eine Umgehung der Hauptsatz-Nebensatz-Konstruktion. Der deutschsprachige Spruch ist nicht nur zu lang, sondern müßte korrekterweise sogar durch ein Komma getrennt werden. Man mag das für eine Lappalie halten, aber zur Einschleusung eines Mems muß nun einmal ein einziger Blick genügen, und mag er noch so flüchtig sein. Wie es im Film Inception ganz im Sinne der Dawkinsschen Memtheorie heißt: »An idea is like a virus, resilient, highly contagious. The smallest seed of an idea can grow.« Um sich genau das zunutze zu machen, darf man den Gedanken dem Bewußtsein aber eben nicht mit der Dampframme verabreichen.

      Das Transparent ist nicht einmal ohne choreographische Mühen ins Kamerabild zu bekommen! Und während durch den Zeilenumbruch immerhin die optische Notwendigkeit des Kommas ein Stück weit umgangen wird, stellt sich noch immer die Frage, weshalb es ausgerechnet die Formulierung »in Ordnung« sein mußte. Das hat nämlich nicht nur den Beiklang von Ordnung, wie in den Kommentaren zum Video hervorgehoben, sondern auch den von „(nicht gut, aber wenigstens) ganz in Ordnung“. Vielleicht ist es das im Netz durchaus übliche, ironische Holprig-Übersetzen, vielleicht gaben auch allerlei Bedenken auf dem Server, daß man keinesfalls das zu „undeutsche“ »OK« übernehmen dürfe, den Ausschlag. Wahrscheinlich beides.

    3. Der Slogan ist problematisch.
      Ich bin so frei, meine bereits erwähnte Sezession-Analyse zum Thema zu zitieren:

      Einer gedeihlichen politischen Memetik sind auch im deutschsprachigen Raum theoretisch keinerlei Grenzen gesetzt. Es gibt jedoch zwei Bedingungen: Die Conditio sine qua non ist eine unvoreingenommene Herangehensweise. Weder sollte man die auf den ersten Blick meist kryptischen, weil voraussetzungsreichen Meme voreilig als Kindereien oder bloßes Spiel abtun, noch darf stur entlang der erfolgreichen US-Vorbilder gearbeitet werden. Zur Erinnerung: Ein Mem muß dem soziokulturellen Umfeld angepaßt sein und Abwandlungen ermöglichen, um erfolgreich zu sein. Zweitens bedarf es einer Schärfung des Gespürs für Bilder, Texte usf., die sich »memen« lassen.

      Das ist im vorliegenden Fall mißlungen, denn die Argumentationslinien sind nicht ohne weiteres übertragbar, wie ich bereits James Angelos zu erklären versucht habe. Die mehr oder minder direkte Übernahme des /pol/-Slogans »It’s OK to be white« ist hierzulande ein Fehlgriff, weil erstens der „Normie“-Betrachter aufgrund der mangelnden allgemeinen Polarisierung entlang ethnischer Bruchlinien nicht ad hoc etwas an dieser Parole auszusetzen findet und zweitens, unmittelbar damit verbunden, die Kategorisierung „Deutscher“ keine hinreichende Ab- und Ausgrenzung vornimmt – ist doch der Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft (woran unser hypothetischer Herr Normie im Zweifelsfall automatisch denken wird) nicht das Kriterium, um das es hier eigentlich geht. Somit lädt das schiefe Mem der Zettelkampagne geradezu zur Kaperung durch den weltanschaulichen Gegner ein; eine bedauerliche Steilvorlage angesichts der erwiesenen linken Unfähigkeit, sich der Memetic warfare eigenständig zu bedienen, ohne sich lächerlich zu machen.

    4. Eigenwerbung macht unübersichtlich.
      Meme sind keine Werbeanzeigen. /pol/ hat das bravourös vorexerziert, und ich verstehe wirklich nicht, wieso ausgerechnet dieser Aspekt es nicht auf die deutsche Variante geschafft hat. Ich bezweifle stark, daß „Reconquista Germanica“ es nach der hervorragenden Pressearbeit der letzten Wochen nötig hat, Werbeplakate auszuhängen – genau das sind die Zettel aber durch diese wirre Gestaltung geworden. Namensschriftzug und Logo und QR-Code nehmen nicht nur unnötig Platz weg und blähen die Botschaft so optisch auf, sondern verunmöglichen auch das „Einbrennen“ der Parole schon beim ersten Blick.
    5. Jfc keine FUCKING Namen/URLs/QR-Codes!
      Bedarf leider der Wiederholung.

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