2020 – das Jahr der Implosionen

2020 in einer Nußschale
Lesedauer: 9 Minuten

2020: Umstellungen

Man könnte auch von „Gesundschrumpfungen“ sprechen, um damit dem Symptom des Jahres zu entsprechen. Da ja aber nicht nur gewohnte Arrangements umgestellt, sondern auch stehengebliebene Zeitgenossen umstellt werden können…

Dem aufmerksamen und regelmäßigen Besucher dieser Netzpräsenz, so es ihn gibt, wird manches nicht entgangen sein. Vor allem der Wechsel der spezifischen URL. Sicher aber auch die Aufstockung der Seitenleiste bei einzelnen Beiträgen sowie die Generalüberholung der Verweise auf andere Websites.

Der Grund dafür ist einfach und eher profan: Auf der einen Seite bin ich sehr dankbar dafür, arbeitsmäßig mittlerweile in der Lage zu sein, Textanfragen ablehnen zu können, die mir zuwider sind. Dazu gehörte im laufenden Jahr die Mitarbeit an Das Buch im Haus nebenan – weil ich Kanonbildung ablehne – ebenso wie diverse überflüssige Rezensionen der immergleichen unsinnigen Geschwätzbücher. Zuletzt ging es um eine historisch-kritische Analyse der diversen Versionen von Botho Strauß‘ »Anschwellendem Bocksgesang«. Als ob irgend jemand so etwas lesen wollen würde, bloß, weil ein paar reaktionäre „Szene“-Größen persönlich beleidigt darüber sind, daß ein weiterer ihrer marktschreierisch präsentierten #ourguy-Prominenten sich „selbstverharmlost“ hat.

Ob man auch Guevara durch Maschke ersetzen kann?

(Darüber hinaus interessiere ich mich tatsächlich überhaupt nicht für Botho Strauß. Ich bin auch nicht von der angeblich so zentralen Bedeutung des »Bocksgesangs« für die „Szene“ überzeugt. Womit wir wieder beim Kanon wären – eines der vielen Probleme der „Neuen Rechten“ ist zweifellos die Überbewertung der Form gegenüber dem Inhalt. Sicher, wie man u.a. in Tristesse Droite nachlesen kann, habe auch ich mich lange von dieser etwas pubertären Neoneoromantik einlullen lassen. Aber man kann – und sollte! – irgendwann davon loskommen. Persönlich möchte ich daher in allernächster Zeit noch mehr unnützen Zierat ablegen und werde deshalb auch die graphische Aufmachung dieses Blogs stark reduzieren.)

Die Kehrseite besagter Unabhängigkeit von unliebsamen Aufträgen ist jedoch, Gefälligkeiten reduzieren und sich auf Wesentliches konzentrieren zu müssen. Dementsprechend kann ich leider nicht mehr einfach mal eben so einen analytischen Text für umme auswerfen. Schon gar nicht, wenn es um eine Inszenierung geht, wie unlängst ein mir grundsätzlich sympathisches österreichisches Magazin erfahren mußte. Dort war man auf meine Aussagen über die Schwachsinnigkeit des »Gesicht-zeigen«-Fetischismus aufmerksam geworden und wollte einen publizistischen „Schlagabtausch“ mit dem großen Trompeter dieses Pseudokonzepts inszenieren. Leider nein, leider gar nicht: Erstens sind die leider derzeit so modischen „Debatten“, ob nun verschriftlicht oder per YouTube, Hippiescheiße. Und zweitens kann ich in der Zeit, die ein solcher Text – selbst nur ein Einseiter – braucht, genausogut mehrere fremde Zeitschriftenartikel auf Honorarbasis lektorieren. Die Wahl fällt da nicht schwer, zumal, wenn man nicht nur sich selbst zu versorgen hat.

Letztendlich ist es ganz einfach: Ich kann – dankbarerweise – ablehnen, wofür ich mich weltanschaulich verbiegen müßte. Ich muß im Gegenzug eben sehr viel „Normie“-Arbeit leisten, an der nicht mein Seelenheil hängt, wohl aber mein Lebensunterhalt. Und dahinter müssen wiederum die Projekte, die ich persönlich gern realisieren würde und für die ich mir eine gewisse besondere Eignung zumesse, zwangsläufig zurückstehen (ebenso wie auch die lächerlich überteuerten Services von WordPress). Heißt unterm Strich: Ich komme zurecht, ohne bezahlte Boomerbespaßung betreiben oder BreadTuber werden zu müssen, aber dafür brauchen private Leidenschaftsprojekte eben ewig. Stichworte: Staatsbriefe, vier Stunden Interview mit Richard Spencer, Abschaffung der Begriffsvergewaltigung von „Postmoderne“ innerhalb des Milieus. Wer solcherlei Arbeiten unterstützen und vorantreiben möchte, der findet zur Genüge Möglichkeiten dazu hier auf der Website. Wer nicht, der muß sich eben weiter in Geduld üben.

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