2020: Addenda
Im Rahmen des leidigen Metapolitik-Begriffsgulaschs geht es nicht nur unentwegt um schwachsinnige Parameter wie “Reichweite”. Ein 2020 sehr präsentes Thema war die Frage nach der “richtigen” Musik von und mit der “Szene”. Dazu ist im Grunde nicht viel zu sagen: Mit dem Dampfhammer politisches Sendungsbewußtsein in kreative Ausdrucksformen hineinzutreiben, hat bisher noch alles zerstört. Von Regalmetern an langweiligen bis gezwungenen rechten “Bildungsromanen” bis hin zu allerlei schlechter Musik (Ausnahmen bestätigen die Regel, sind aber dementsprechend auch oft indiziert). Als jemand, dessen Leib- und Magenband die Manic Street Preachers sind, kann ich nur dazu raten, sich – pathetisch gesprochen – auch in dieser Hinsicht von den ausgetretenen Pfaden fernzuhalten.
- musikalische Wiederentdeckung 2020: Luftwaffe. Zugegebenermaßen liegt meine intensive Neofolkphase schon geraume Zeit zurück, aber gerade um die Zeit meiner Abiturprüfungen herum lief das Album “Trephanus Uhr” bei mir über längere Zeit genauso rauf und runter wie die 10” “Solipsistica Nihilisti”. Wenn man Akustikklänge à la Forseti oder jüngere Death in June gewöhnt ist, wird man es mit Luftwaffe schwer haben: Der Stil der beiden Gnostiker aus Chicago rangiert irgendwo zwischen (Martial) Industrial, Noise und obskurem Geschrammel. Daß YouTube nicht viel von ihnen hergibt, wird seine Gründe haben. Doch sind sie eindeutig in einer Mission unterwegs…
- musikalische Neuentdeckung 2020: Sidewalks and Skeletons. Eine neue favorisierte Arbeitsmusik. Über Spotify läßt sich mit Recht viel Schlechtes sagen, aber zumindest der Algorithmus funktioniert. Da wir alle mittlerweile mit synthetischer Untergrundmusik nur so überschwemmt werden, ist es kaum mehr möglich, zwischen all dem “Vaporwave”, “Fashwave” etc. den Überblick zu behalten. S&S war ein reiner Zufallstreffer, aber was für einer!
- literarische Wiederentdeckung 2020: Mike Ma. Ich hatte den Jungen schon mehrmals wahrgenommen und wieder vergessen. Erst beim zuerst skeptischen (weil gehypten), dann mehr und mehr amüsierten Lesen seines Krachers Harassment Architecture Anfang des Jahres wurde mir klar, daß er genau der Kerl aus den Vine-Videos ist, genau der Blondschopf, der von der abstoßenden Grifter-Mutantin Lauuuuuuuura Loooooooooomer belästigt und gestalkt wurde. Ich habe es schon mehrfach wiederholt: Wenn man unter 40 ist und vielleicht noch Bret Easton Ellis und/oder Hunter S. Thompson schätzt, dann hat man gefälligst Mike Ma zu lesen. Sein zweites Buch steht uns anscheinend bevor, und ich bin sehr gespannt!
- literarische Neuentdeckung 2020: Mark Fisher. In den sozialmedialen Zirkeln, die sich – meist auf eher sarkastische Weise – mit philosophischem Postmodernismus, “echtem” Akzelerationismus usf. befassen, ist der »VERY sad man« Mark Fisher schon seit geraumer Zeit ein beliebtes Mem. Und das hängt nicht nur mit seinem Suizid Anfang 2017 zusammen: Fishers Konzeption eines Capitalist Realism offenbart nicht nur eine tiefe Frustration über den Schwenk der parteiförmigen (britischen) Linken vom Klassenstandpunkt hin zu Identitätspolitik. Seine Sichtweise auf die tieferen Mechanismen der spätkapitalistisch-neoliberalen Weltmarktgesellschaft ist geprägt von seinen Wurzeln in der geheimnisvollen “Cybernetic culture research unit” (Ccru). Symptome zu behandeln, ist allenfalls Symbolpolitik: Die Wurzel allen Übels ist immer ein verdrehtes Denken und Empfinden, aus Fishers Sicht – stark verkürzt – die Grundthese, daß heutzutage zumindest im Westen eher das Ende der Welt vorstellbar sei als ein Ende des Kapitalismus. Seine Überlegungen zur scheinbaren »ewigen Gegenwart« (Ghosts of My Life), über die ich aus etwas anderer Perspektive schon vor viereinhalb Jahren in Jena referierte, sind dabei ebenso eminent interessant wie viele seiner unzähligen kulturanalytischen Blogtexte, die ihn ursprünglich zum Geheimtip machten (k-punk und, im weiteren Sinne, The Weird And The Eerie). Man muß sich allerdings wirklich darauf einlassen wollen – Fisher war in keinster Weise ein rechter Denker, und die deutschen Übersetzungen seiner Werke sind sehr dürftig ausgefallen. Wer sich davon nicht abschrecken läßt und zu den Originalen greift, der wird viele beeindruckende Denkanstöße finden. (Wenn es der Entscheidungsfindung hilft: Sowohl die Kollegen von “EBL” als auch Borzoi, Alex McNabb und Keith Woods sind da mit mir ganz einer Meinung.)
- Spruch des Jahres 2020: »The media is the virus.« Ich denke nicht, daß man das weiter erläutern muß.

Wobei die Anerkennung ja eigentlich doch DSF-Sascha für seine Auslegung von LX als »Lifestyle Xenophob« gebührt… Egal. Reicht jetzt auch mit diesem freidrehenden Jahr. Allen unnötigen Zeitgenossen ein herzliches Pereat, dem Rest: Auf ein besseres 2021 – see ya, Kyle!



